LITERATUR

Literaturgespräche

literatursalon01Seit einiger Zeit findet im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum ein literarischer Salon der besonderen Art statt. Das Konzept ist einfach: Jede/r Teilnehmer/in bringt ein literarisches Werk mit, das man gerne besprochen haben möchte und wenn man Glück hat, wird man durch ein Los ausgewählt und darf dieses dann vorlesen.

Mehr weiß ich nicht, als ich mittwochs beschließe, diesem Salon beizuwohnen. Ich packe also eines meiner selbstgeschriebenen Gedichte ein und mache mich voller Erwartungen auf den Weg. Der Empfang ist wirklich nett, fast schon familiär. Man bekommt eine Nummer zugeteilt und darf sich auch ein Getränk aussuchen, das natürlich gratis ist. Man stellt sich mir vor und ich werde eingeladen, mich zu den schon anwesenden Teilnehmern an den Tisch zu setzen. Als wir vollzählig sind, begeben wir uns in einen kleineren Raum, wo wir uns im Kreis auf bequemen, alten Ledersofas niederlassen.

Prof. Harranth beginnt, unterstützt durch seinen Salontiger (ein Kuscheltier), mit seiner Einleitung. Er erzählt uns, was zur Zeit in der Kunstszene in Wien so passiert, welche Theaterstücke und Ausstellungen er uns empfehlen würde und wovon er uns abrät. Danach geht es medias in res und Harranth stellt uns sein mitgebrachtes Buch vor (John Le Carré: Das Vermächtnis der Spione). Es wird diskutiert - Freunde und Gegner von Kriminalromanen treffen aufeinander und dadurch kommt es beinahe zu einem richtigen Schlagabtausch. Sogar auf die Details der vorgelesenen Stelle wird genau eingegangen, um zu überzeugen, wie gut dieser Roman ist. Ich halte mich eher zurück, da ich mit dem Wissen der diskutierenden Personen nicht mithalten kann.

Als Nächstes folgt eine kurze musikalische Einlage, die von zwei Frauen mit engelhaften Stimmen vorgetragen wird. Es gefällt mir sehr gut und ich höre selig zu. Die Musik ist zu Ende und nun beginnt der eigentliche Spaß. Die Lose mit unseren Nummern werden gemischt und ich, als Küken der Runde, darf ziehen. Ein älterer Herr kommt dran und er liest eine kurze Geschichte von Borges vor. Schön langsam beschleicht mich das Gefühl, dass mein selbstgeschriebenes Gedicht hier sehr fehl am Platz ist. Ich nehme mir vor, beim nächsten Ziehen der Nummern zu schummeln, um nicht selbst dranzukommen. Zurück zu Borges - seine Parabel wird von allen gut aufgefasst und als schön befunden, obwohl es einige Kritiken an der Übersetzung gibt. Nun muss ich wieder ziehen, ich greife hinein und ich ziehe - mich. Ich versuche zu erklären, dass ich etwas missverstanden habe und etwas eigenes mitgebracht hab. Es wird jedoch einstimmig beschlossen, dass ich es trotzdem vortrage. Das Versmaß meines Gedichtes wird diskutiert und dann wendet sich die Aufmerksamkeit zum Glück von mir ab. Nach mir kommen noch einige weitere Werke zur Diskussion, angefangen von einem Brief Goethes über Sachliteratur bis hin zu Aphorismen. In den letzten Runden hält sich das Gespräch eher in Grenzen, da uns die Zeit davonläuft. Um ziemlich genau Punkt neun erklärt Prof. Harranth den Salon für beendet und die Gruppe löst sich ziemlich schnell auf.

Es war eine sehr ungewöhnliche Erfahrung, mit Personen, die sich mit Literatur wirklich gut auskennen, über Werke und Autoren zu diskutieren. Trotz meines Germanistikstudiums hatte ich oft das Gefühl, mit dem Wissen der anderen nicht mithalten zu können. Trotzdem werde ich dem Salon mit Bestimmtheit noch einen Besuch abstatten, da es ein durchaus unterhaltender Abend war.

Termine: Jeden 2. Mittwoch der ungeraden Monate von 19:00 bis 21:00 Uhr. Das nächste Treffen findet am 17.01.2017 statt.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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