LITERATUR

Unsere tägliche Dosis Monster gib uns heute

Was haben Jack the Ripper und Nessie, das Monster von Loch Ness, gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, außer dass beide in Großbritannien beheimatet sind. Hubert Filser zieht in seinem Buch "Menschen brauchen Monster", das im Oktober letzten Jahres erschienen ist, jedoch einige Parallelen. Indem er wissenschaftliche Bereiche wie die Psychologie, die Kryptozoologie1 und die Geschichtswissenschaften als Werkzeuge verwendet, versucht er aufzudecken, was hinter den Mythen von Monstern steckt. Beide sind das für ihn, Nessie wie auch Jack the Ripper, selbst wenn sie unterschiedlichen Untergruppierungen angehören.

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Er unterscheidet hierbei in Monster aus der Natur, erschaffene Monster, das Böse in uns und Monster der Vergangenheit, wobei er darauf hinweist, dass einige Vertreter*innen grenzüberschreitend unterwegs sind. Wieso diese Monster auftreten und ob sie durch die Zeit bestehen bleiben oder vielleicht angepasst werden, hängt immer von jedem einzelnen Fall ab. Dass wir sie jedoch verwenden, um unsere Ängste zu personifizieren und uns von ihnen, wie Aristoteles mit seiner Aisthesis2 beschreibt, reinigen, da ist sich Filser sicher.

monster01Sie wurden immer als Abgrenzung verwendet, wir und das Andere. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass das Reich der Monster immer dort anfängt, wo unser Wissen endet. Früher waren fremde Länder, in denen noch niemand gewesen war, die Heimat von Wesen, die nur aus Kopf und Beinen bestanden oder riesenhaften Ungetümen wie Zyklopen. Auch das Meer mit seinen unbekannten Tiefen war bevölkert von monströsen Tieren, wie wir sie heute noch als Zeichnungen auf alten Weltkarten sehen können. Als sich dann die bekannte Welt ausdehnte, veränderten sich auch unsere Erwartungen, wo das Unheimliche beheimatet sei. Anstatt in der Natur, die wir zwischenzeitlich zu beherrschen glaubten, finden sich unsere Widersacher plötzlich in der Wissenschaft und Technik und statt hier auf der Erde, um uns herum im Weltall.

Doch wie bereits erwähnt tastet sich Hubert Filser nicht nur entlang der Geschichte und querfeldein über die Geografie an das Thema heran, sondern betrachtet auch die Feinde, die uns am nächstgelegensten beheimatet sind - uns. Ende des 19. Jahrhunderts gewann das psychische Innere des Menschen mehr an Interesse und auch Robert Louis Stevensons Roman "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" erschien. Diese und ähnliche Geschichten zeigten auf, dass wir selbst bei uns bekannten Personen nie sicher sein können, was wirklich hinter der Fassade steckt.

Doch auch anhand von aktuelleren Fällen, wie zum Beispiel Josef Fritzl, der jahrelang seine eigene Tochter gefangen hielt, missbrauchte und vergewaltigte, zeigt Filser menschliche Schreckfiguren auf. Durch diesen Vorgang Menschen, die so abscheuliche Dinge tun, als unmenschliche Monster abzustempeln, würde uns die Angst davor nehmen, so eine Tat selbst zu begehen.

monster0401Wir definieren die Kategorien "Uns" und "das Andere" und da wir auf diese Art alles, was wir als nicht richtig und gut empfinden, von uns weisen können, fühlen wir uns beruhigt. Diese Reinigung von Ängsten und Selbstbestätigung ist ein wichtiger Punkt in Hubert Filsers Buch, doch es gibt noch weitaus mehr zu beachten.

Wer nach dieser kurzen Rezension nun gespannt auf weitere Fallbeispiele und wissenschaftliche Erklärungen ist, dem sei das Buch wirklich ans Herz gelegt. Auf faszinierende Weise schafft "Menschen brauchen Monster" analytisch und korrekt vorzugehen und trotzdem sehr kurzweilig und angenehm zu lesen zu sein.


1 Der Fachbegriff für die Wissenschaft, die sich mit der Existenz von Tieren auseinandersetzt, für die es nur zweifelhafte Belege gibt.
2 Ganz einfach heruntergebrochen: Die Menschen sollten im Theater Gefühle empfinden, um sich von ihnen zu befreien 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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