LITERATUR

Ich habe geweint wie ein Baby

Ich bin nicht besonders gut darin, Menschen zu beschenken. Während andere ihre Familie und Freunde mit ausgefallenen Aufmerksamkeiten überraschen, greife ich mit beschämender Regelmäßigkeit auf Thalia-/H&M-/Restaurant-Gutscheine zurück, und Geschenkpapier hab ich sowieso nie daheim.

Die folgende Geschichte ist also nicht repräsentativ für mich. Ich bin, was das Beschenken betrifft, nicht die durch ihre jahrzehntelange Beständigkeit überzeugende Beyoncé, sondern eher ein absolutes One-Hit-Wonder. So wie die Mädels Anfang der 2000er mit dem "Ketchup Song", die sich – anscheinend in weiser Voraussicht ihres flüchtigen Erfolgs – einfach Las Ketchup nannten.

Trotzdem, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, und ich fand meines an einem schicksalshaften Tag im Dezember 2015. In einem Uni-Seminar hatte jemand vorgeschlagen zu Wichteln, und zwar with a twist: etwas Neues zu kaufen war strikt verboten, man verschenkt etwas aus seinem eigenen Besitz. Keinen Trödel wie beim Schrott-Wichteln, sondern etwas Kleines, aber Schönes.

Ich fand die Idee mittelgut, weil – naja siehe oben. Aber dann sah ich meine Chance. Ich bin zwar eine miserable Schenkerin, dafür aber eine Eins-A-Buch-Empfehlerin, die jedoch den leisen Verdacht hegt, dass die wenigsten der Menschen, denen ich ein kürzlich von mir entdecktes "lebensveränderndes, hysterisch lustiges und herzergreifendes Meisterwerk" empfehle, dieses tatsächlich lesen. Warum? Weil ich das selbst, wenn mir jemand Bücher oder Filme empfiehlt, ehrlicherweise auch so handhabe. Weil ich ein bisschen faul bin und glaube, noch unendlich viel Zeit zu haben und manchmal einfach lieber Ellen DeGeneres-Videos schaue.

Hier, in diesem Recycling-Wichteln, sah ich also meine Chance, und ich verschenkte eines meiner absoluten Lieblingsbücher: "Never let me go" von Kazuo Ishiguro (der letztes Jahr übrigens mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde).

ishiguro01Über den britischen Autor, einen furchtlosen, fantastischen, präzisen Erzähler, könnte man vieles sagen, und ebenso vieles über diesen Roman, der erst wütet und mit sich reißt wie ein Orkan und dann plötzlich, auf verblüffend sanfte Weise, dort ankommt, wo es weh- und guttut.

Falls diese Anhaltspunkte jemandem helfen: Der Beschenkte, den ich nicht gut kenne/kannte, ist ein Physikstudent Mitte zwanzig, der lebensfroh – fast übermütig – wirkt, Witze reißt und im Unterricht kluge Anmerkungen macht. Ich schenkte ihm also das Buch, und er bedankte sich, wie sich jemand bedankt, der gerade ein Buch geschenkt bekommen hat, das er nicht vorhat zu lesen. Höflich, mit einem unverbindlichen Lächeln.

Zwei Wochen später erhielt ich diese Email:     

"Ich hatte noch keine Zeit mich für dein wirklich großartiges Wichtelgeschenk zu bedanken. Es gibt keinen Grund dir zu sagen, wie wundervoll das Buch ist, denn das weißt du ja schon, aber ich wollte, dass du weißt, dass es auch mir extrem gefallen hat. Es war eine surreale Erfahrung, meine Ängste und Vermutungen über unsere merkwürdige Welt Seite für Seite wahr werden zu sehen, und all das zu verarbeiten. (Einmal bin ich bis Mittag nicht aus dem Bett gekommen, weil ich so gefesselt gelesen habe.) Manche Seiten waren hart zu lesen, weil Staubkörner in meine Augen geraten sind und sie angefangen haben zu tränen … Okay, eigentlich stimmt das nicht. Ich weinte wie ein Baby. Danke, dass du mich dazu gebracht hast, wieder einmal ein richtiges Buch zu lesen."

Und so habe ich also mit meinem Wichtelgeschenk jemanden zum Weinen gebracht. Meine Geschenk-Skills sind unverändert unterirdisch, aber ich habe Mut geschöpft. Und so hoffe ich, wie vermutlich meine Sistas-im-Geiste vom "Las Ketchup Song", dass aus mir vielleicht doch noch ein Two-Hit-Wonder werden könnte…  

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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