LITERATUR

I Der Niedergang der Erzählung. Walter Benjamin interveniert.

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Der Erzähler – vom Aussterben bedroht? Wie der deutsche Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892–1940) den Zustand der epischen Kunst im Jahr 1936 einschätzte, wie die Folgen des Krieges seine Prognosen beeinflussten und warum ein Mix aus Sesshaftigkeit und Reiselust DAS Rezept für eine gute Erzählung sein soll, erfährt ihr im ersten Teil des Exkurses "Der Niedergang der Erzählung".

DISTANZ SCHAFFT KLARHEIT
Benjamin lädt in "Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Michail Lesskows" dazu ein, den Erzähler* aus einer gewissen Entfernung zu betrachten, um die Gesamterscheinung der "großen, einfachen Züge" besser ausmachen zu können. Die Tendenz zur Distanz stammt aus der Erkenntnis, dass es "mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht". Ich werde einige Punkte dieser Schrift genauer unter die Lupe nehmen – viele seiner Argumenter bekommen unter dem Licht einer digitalisierten Welt eine besondere Wirkung.

"DIE ERFAHRUNG IST IM KURS GEFALLEN"
Das unveräußerliche, also einen fixen Bestandteil des Menschen bildende Vermögen, Erfahrungen auszutauschen, ist verlorengegangen, schreibt Benjamin. Darin sieht er die Ursache des allmählichen Verlusts der Erzählkunst. Diese Entwicklung lässt sich in den Zeitungen finden und zeugt davon, "dass sie einen neuen Tiefstand erreicht hat, dass nicht nur das Bild der äußern, sondern auch das Bild der sittlichen Welt über Nacht Veränderungen erlitten hat, die man nie für möglich hielt."

Benjamin hält in diesem Zusammenhang fest, dass die mittelbare Erfahrung nach dem Ersten Weltkrieg einen Riss erhielt, der nicht mehr zu reparieren war. Rückkehrer aus dem Schlachtfeld waren in Schweigen verfallen, welches noch in den Kriegsbüchern Jahre später nachgehallt hat. Dies war "alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht." Mit einer Generation, die durch die Kriegswirren stumm geblieben ist, setzte sich also der Verlust der Erfahrung fort, die fürs Erzählen essenziell ist.

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WAS ABER MACHT EINEN ERZÄHLER AUS?
Laut Benjamin sind die großen Erzähler die, deren Texte sich am wenigsten von der mündlichen Rede namenloser Erzähler unterscheiden. Hier nennt er zwei Gruppen, die sich gegenseitig beeinflussen und nur dadurch zur "vollen Körperlichkeit" gelangen können: Der "sesshafte Ackerbauer" und der "handelstreibende Seemann" – diese Spezies haben ihre eigenen Erzähler hervorgebracht. "[Die] Erstreckung des Reiches der Erzählungen in seiner ganzen historischen Breite ist nicht ohne die innigste Durchdringung denkbar".

DER SESSHAFTE MEISTER UND DER WANDERNDE BURSCHE
Im mittelalterlichen Handwerksstand sah Benjamin die intensive Beeinflussung jener Typen, die in der Stube zusammenarbeiteten. Dort also konnte sich die "hohe Schule" des Erzählens entwickeln, da sich die Kunde von der Ferne mit jener aus der Vergangenheit verbinden konnte. Benjamin hält im Zusammenhang mit dem Protagonisten seines Textes, dem russischen Schriftsteller Lesskow (1831–1895), fest: "[Er] ist in der Ferne des Raumes wie der Zeit zu Hause". Lesskow begann nach seinen Handelsreisen quer durch Russland mit 29 Jahren zu schreiben – nachdem er sich Weltklugheit aneignen und einen Einblick in die Lebensumstände im Land gewinnen konnte.

Welche Seelenverbündete Michail Lesskow auf seinen Reisen fand, welche Fragen ihn zum Erzählen inspirierten und was das Aufkommen des Romans in der Neuzeit für die Erzählung bedeutete, erfährt ihr bald im zweiten Teil des Benjamin-Exkurses "Der Niedergang der Erzählung. Walter Benjamin und das Individuum in seiner Einsamkeit."

 


* Anmerkung der Autorin: Der Erzähler steht hier stets im Maskulinum. Auslassung aber bedeutet selten Abwesenheit, sondern Ausschluss/Ignorieren.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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