LITERATUR

Nicht zählen, sondern erzählen: Die Opfer der Nazi-Wissenschaft

Was ist die größte Zahl, die du dir vorstellen kannst? Tausend? Zehntausend? Eine Million? Wohl kaum, denn unseren Gehirnen fällt es schwer, die Dimensionen großer Zahlen zu begreifen. Bei Opferzahlen von Verbrechen oder Naturkatastrophen hat dieses Unvermögen auch eine dramatische Konsequenz für unser Mitgefühl. Der amerikanische Psychologe Paul Slovic nennt diesen paradoxen Effekt "psychic numbing": Unsere Anteilnahme sinkt mit der Anzahl der Betroffenen.

Genau deshalb stellt der erste Part des zweiteiligen Artikels "Nicht zählen, sondern erzählen" ein Buch vor, das die unvorstellbare Inhumanität des NS-Regimes durch die Darstellung einzelner Schicksale vergegenwärtigt. In "Die Namen der Nummern" illustriert der Historiker Hans-Joachim Lang die Lebenswege der Mordopfer eines besonders grauenhaften Nazi-Verbrechens: Die Selektion und Ermordung von 86 Juden für eine anthropologische Schädel- und Skelettsammlung. Eine von ihnen war die Wienerin Elisabeth Klein, geborene Thalheim.                  

WIEN, BERLIN, OSLO
Währing, der 18. Gemeindebezirk, liegt im Nordosten der Stadt an der Grenze zum Wienerwald. Elisabeth wird hier im Mai 1901 geboren, mitten hinein in eine pulsierende und spannungsgeladene 1,7 Millionen-Metropole. Knapp neun Prozent der Bevölkerung sind Juden, darunter Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Gustav Mahler. Elisabeth, deren Vater Saul einen Laden für Tabakspfeifen besitzt, ist klug, interessiert und weltoffen. Gut vorstellbar, dass sie ihren jüngeren Bruder Max beneidet, als der mit 18 für einige Jahre nach Belgien aufbricht, während sie selbst sich dem restringierten Frauenbild der Zeit fügen muss. Elisabeth erkämpft sich dennoch Freiraum für ihre Leidenschaften: Oper, Lyrik, Handarbeit, und die Natur. Nach der Heirat eröffnet sie mit ihrem Mann Kalman Klein eine Eisen- und Geschirrwarenhandlung in Ottakring, und Ende 1924 kommt Tochter Nelly auf die Welt.

Elisabeth Klein  Hans-Joachim LangIn Berlin ist die im preußischen Posen geborene Alice Simon zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter von dreijährigen Zwillingen. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt sie als selbstbewusste, elegante Frau mittleren Alters, mit gewelltem, schwarzem Haar und ausdrucksvollen Augen. Ihren Mann hatte Alice in der Arbeit kennengelernt – er ist Rechtsanwalt, sie seine Sekretärin. Beide hatten sich noch vor der Hochzeit evangelisch taufen lassen. Nun führen die Simons ein finanziell sicheres, ruhiges Leben. Gemeinsam mit Herberts Mutter und der Hausangestellten Ottilie Lenz wohnen sie in einer Querstraße des Kurfürstendamms, und in den Sommerferien fährt Alice mit den Kindern an die Ostsee, wo der Vater sie manchmal an Wochenenden besucht.   

In diesen Jahren, genauer am 8. Februar 1925, wird in der norwegischen Hafenstadt Larvik das jüngste von acht Kindern geboren: Frank Sachnowitz, Sohn eines Russen und einer Litauerin. Wie auch für alle anderen Kinder pflanzt der Vater, Besitzer eines Herrenkonfektionsgeschäfts, zum Anlass von Franks Geburt einen Apfelbaum im Garten. Später werden die Geschwister darum buhlen, wessen Baum die schönsten Früchte trägt, und man kann sich gut vorstellen, wie auch Frank, der Bursche mit den Segelohren und dem jugendlich-herausfordernden Blick, der Ernte im Herbst entgegenfiebert. Außerdem ist die Familie sehr musikalisch, Frank selbst spielt Tenorhorn in der Jugendkapelle von Larvik.

Alice Simon  Hans-Joachim Lang "DEUTSCHES AHNENERBE": WAHN STATT WISSENSCHAFT
Vor den Erkenntnissen des Kulturwissenschaftlers Hans-Joachim Lang wurden Elisabeth Klein, Alice Simon und Frank Sachnowitz fälschlicherweise den mindestens 1,1 Millionen Menschen zugeordnet, die in Auschwitz ermordet wurden. Tatsächlich starben sie für ein "Forschungsprojekt" im Namen der Nazi-Rassenlehre.

1935 gründen SS-Reichsführer Heinrich Himmler und der niederländische Wissenschaftler Herman Wirth die "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe". Mitglied ist auch der Anatom August Hirt, tätig an der Universität in Straßburg, wo sich anatomische Sammlungen befinden. Hirt will diese "nach modernen Gesichtspunkten" erweitern, und obwohl dies nicht belegt ist, ist gut vorstellbar, dass er damit die Untersuchung und Aufbereitung jüdischer Schädel und Skelette für eine zukünftige Schausammlung meint. Im Juni 1943 vermessen die Anthropologen Bruno Beger und Hans Fleischhacker in Ausschwitz eine Gruppe zuvor selektierter jüdischer Frauen und Männer. Diesen versichert man, sie kämen in ein besseres Lager in Deutschland. Tatsächlich werden sie kurz darauf ins elsässische KZ Natzweiler-Struthof gebracht und dort an mehreren Augustabenden von Lagerleiter Josef Kramer in einer knapp 9 Quadratmeter großen Gaskammer umgebracht.     

Frank Sachnowitz  Hans-Joachim LangElisabeth Klein, die kulturaffine Währingerin, stirbt mit 42 Jahren. Alice Simon, die ihre Zwillinge bereits zu Beginn des Krieges an einer Londoner Schule in Sicherheit gebracht hatte, wird 55 Jahre alt. Frank Sachnowitz, dessen Apfelbaum vermutlich jetzt gerade in einem Garten im norwegischen Larvik blüht, wird mit 18 Jahren ermordet.

Die Leichen werden zum Straßburger Anatomie-Institut transportiert, wo der Mitarbeiter Henri Henrypierre heimlich die Nummern an den Unterarmen der Opfer notiert – eine Liste, die Jahrzehnte später ein zentraler Baustein in Hans-Joachim Langs Nachforschungen sein wird. Die geplante Skelett- und Schädelsammlung wird von den Nazis niemals fertiggestellt. Nach Kriegsende wird ein Großteil der Leichenteile in einem Massengrab auf dem Jüdischen Friedhof in Straßburg beigesetzt, aber kleinere Gewebereste eines Opfers werden noch 2015 im Straßburger Institut wiederentdeckt.

 SPÄTE STRAFEN FÜR DIE TÄTER
Die heute dank Langs Recherchen bekannten Umstände des Verbrechens sind nach dem Krieg noch unklar, und so kommen die Anthropologen Beger und Fleischhacker durch Entnazifizierungsverfahren vorerst als "Mitläufer" davon. Hirt begeht noch 1945 Selbstmord, und im selben Jahr wird der Ausführer des Mehrfachmordes, Lagerleiter Josef Kramer, zum Tod verurteilt. Wolfram Sievers, der Geschäftsführer von "Ahnenerbe", kommt 1946 wegen "grausamer medizinischer Versuche" und der "Ausrottung von Juden für die Vervollständigung einer Skelettsammlung" vor das Nürnberger Ärztetribunal. Auf das Kreuzverhör folgt das Todesurteil. Erst 1970 werden Beger und Fleischhacker erneut angeklagt, doch die Strafen fallen denkbar milde aus: Von drei Jahren Haft sitzt Beger keinen Tag ab, weil ihm Internierungs- und Untersuchungshaft angerechnet werden, und "da die angestellten Ermittlungen nichts Nachteiliges über die Lebensführung des Verurteilten ergeben haben". Fleischhacker kann ebenso seine akademische Karriere an der Frankfurter Universität fortsetzen, wenn auch unter Protest der Studierenden und anderer Professoren.

 AUS NUMMERN WERDEN NAMEN
So wichtig die Aufklärung des Verbrechens ist, die Mörder sollen laut Hans-Joachim Lang nicht das letzte Wort haben. In seinem Buch gibt er zwar auch Einblicke in die nationalsozialistische Rassenideologie und Details der Tat, aber der Fokus bleibt stets auf den Betroffenen. Mithilfe der Erinnerungen Hinterbliebener sowie Briefen und anderen Zeitdokumenten rekonstruiert Lang die konkreten und facettenreichen Lebensgeschichten der davor anonymen 86 Opfer. Unsentimental, sachlich und differenziert erzählt, werden diese Kurzbiographien so zu einem Gegenmittel für unsere "seelische Taubheit" gegenüber Grausamkeit, die weit außerhalb unseres kognitiven Begriffsvermögens liegt.

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"Die Namen der Nummern – Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren"
Hans-Joachim Lang
Fischer Taschenbuch Verlag, 2007 (überarbeitete Ausgabe)

Wir bedanken uns bei Herrn Lang, der uns freundlicherweise Bilder von seinem Blog zur Verfügung gestellt hat.

 

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