LITERATUR

In Österreich bleibt alles beim Alten

9783701734276.jpg"Reportagen aus dem Reichsrat" wurde kurz vor der Wahl erstmals präsentiert. Damals im Parlament mit der damaligen Nationalratspräsidentin Doris Bures als Sprecherin. In der aktuellen Ausgabe – das Buch war wohl sehr schnell vergriffen – ist das Vorwort vom aktuellen Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka. Sobotka ist darin sehr ernsthaft, wie Bures erwähnt er, dass die Schilderung den damals beginnenden Untergang der Monarchie darstellen und der dargestellte Nationalismus zwischen den damaligen Teilländern des Habsburgerreiches diesen Untergang provozierten. Ironisch wird das erst, wenn man bei Twains eigenem Text ist.

Mark Twain beschreibt ein Sittenbild, das sich jeder gut vorstellen kann, der sich mit österreichischer Literatur aus dieser Zeit beschäftigt hat. Aus finanziellen Gründen musste Twain Ende des 19. Jahrhunderts eine Weltreise antreten und war so von 1897 bis 1899 in Wien, unter anderem eben auch in einer Sitzung des Reichrates, dem damaligen Parlament. Twain war damals wie viele andere Journalisten auf der Zuschauertribüne, schilderte die Sitzung und auch die Eigenheiten des Parlaments auf eine eigene Art und Weise. Besonders prägend sind die Details, die zwar auch faktisch in alten Protokollen erfasst sind, durch seine Aufarbeitung aber einen eigenen Dreh erhalten.

Twain verliert sich in dem Chaos, das während der Sitzung am 28. Oktober stattfand. Damals ging es theoretisch um Sprachverordnungen, einfacher gesagt aber um die Machtspiele unter den verschiedenen Ländereien des Kaisertums. Beim Lesen von Twains Beschreibung entsteht allerdings eher der Eindruck, dass sich gar nicht so viel geändert hat. Es geht zwar nicht mehr um unterschiedliche Ländereien, allerdings geht es auch heute im Parlament darum, wie einzelne Abgeordnete und unterschiedliche Parteien sich bekriegen, um Geltung, Macht und Gehör zu erhalten. Vor rund 120 Jahren führte das zu Geschrei, Beschimpfungen, zu Sitzungen, in denen keine Regeln mehr galten.

PARLAMENTARISCHE SITTEN
Vieles davon fühlt sich bekannt an. Es gibt zwar höchstwahrscheinlich nur wenige Menschen, die sich freiwillig größere Ausschnitte der Nationalratssitzungen ansehen, aber manches davon erinnert an die beschriebenen Szenen. Chaos und die Weigerung sich gegenseitig zu zuhören, das Durchsetzen der eigenen Interessen um jeden Preis. Wer halbwegs regelmäßig Willkommen Österreich sieht, erkennt gut, dass viele Reden leidenschaftlich und vehement gehalten werden, auch die Zwischenrufe sind meist mehr von Emotion als Fakten geprägt. So gesehen ist das Parlament nach wie vor der Ort, den Twain beschreibt. Beleidigungen wie "Gassenjunge" gibt es zwar nicht mehr, die Anschuldigungen der Lüge und Aufforderungen, dass das Präsidium einschreiten möge, gibt es nach wie vor.

Twain schafft es mit diesen vier Geschichten viele von der Funktionsweise Österreichs einzufangen, die Rolle von Parlamentarismus und Gesetzen zu hinterfragen. Das allerdings auf unterhaltsame Art und Weise, schließlich kommt in den Texten auch der satirische Zugang zu Tage, der Twains Schreibstil prägte. Zum besseren Verständnis werden Twains Texte in Kontext gesetzt. Seine Hintergründe, die damalige Situation der Monarchie aber auch der Presse. Zusätzlich wird auf die Mittel des Parlaments eingegangen, wie damals Sitzungen mit 12-Stunden-Reden gefillibustert wurden und wie diese Obstruktionsmittel heute gehandhabt werden. Auch, wie Antisemitismus die Politik prägte und wie es überhaupt zur Veröffentlichung des Buches kam.

Grundsätzlich waren Twains Aufsätze nämlich unbekannt. Erst eine bibliothekarische Schatzsuche ermöglichte nun die Veröffentlichung, die Texte waren davor teilweise auch nie übersetzt worden. Die Zusammenstellung jetzt bringt allerdings nicht nur den Mehrwert, dass Twains Kurzgeschichten aus dem Reichsrat erstmals auf Deutsch erscheinen, sondern 120 Jahre später zeigen diese Geschichten auch, wie Demokratie Demokratie aushebeln kann. Zu einer Zeit also, zu der dies weltweit wieder regelmäßig passiert, richten Twains Geschichten einen Fokus darauf, wie wichtig Parlamente als demokratische Institutionen sind, so wenig dies in populistischen Zeiten auch auffallen mag.


Mark Twain - Reportagen aus dem Reichstag erschien im Residenz-Verlag

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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