LITERATUR

So enden wir

soendenwir01Andrei Dukelsky, alias Duke, war ein Revolutionär, ein Pionier für literarische Texte im Internet. Liest man sich die Wikipedia-Biografie des Autors Daniel Galera durch, trifft man auf viele Parallelen mit seiner Romanfigur. Doch Duke ist tot und dies bildet den Auftakt einer Geschichte, die in gewisser Weise Jahre, bevor die Haupthandlung einsetzt, endete.

Auf dem Begräbnis des gemeinsamen Freundes treffen Aurora, Antero und Emiliano nach einer langen Zeit des Abstandes wieder aufeinander.

Die Gründer des Fanzines Orangotango waren die Stars ihrer Generation. Mit kritischen Texten und extravaganten Feiern wurden sie bekannt und standen für die alles hinterfragenden Idealstudenten, in einer Zeit, in der ein großer Umschwung und das Gefühl, dass alles möglich sei, in der Luft hing. Was zur Zeit von Dukes Tod bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack und Erwachsene, die nicht nur einsehen mussten, dass durch die Internetübernahme durch Großkonzerne nicht nur alles starb, für das sie gekämpft hatten, sondern dass sich auch sonst nichts verbesserte. Es bleiben Menschen, die mit ihren Leben unzufrieden sind und nostalgisch ihrer Jugend hinterhertrauern, als alles noch möglich und eine bessere Zukunft vor ihnen zu liegen schien.

Die neue Generation aber belachen sie für Ideale, die sie früher selbst vertraten. Trotz ihrer unterschiedlichen Leben wirken sie alle ziemlich egoistisch und während man sie als gescheiterte Weltverbesserer noch sympathisch finden könnte, nutzen sie ihre alten Überzeugungen nun auf schäbige Art zur Selbstvermarktung.

"Nur wer an sich selbst dachte, würde, ohne es zu wollen, den Lauf der Dinge ändern können."

Auf den Spuren ihres verstorbenen Freundes, des Erfolgsautors, der Menschen allzu leicht durchschaute, selbst aber ein Mysterium blieb, offenbart sich einem durch Galeras raffinierte Erzählart, wie die Lebenswelten von Aurora, Antero und Emiliano wie Wurzeln mehrerer Bäume verwoben sind. Dies nicht auf den ersten Blick.

Die Entscheidung, die Geschichte abwechselnd aus einer ihrer Perspektiven zu erzählen, setzt vor den Augen der Leserschaft ein Mosaik zusammen, wer Andrei war.

Vieles bleibt jedoch ein Rätsel, vielleicht auch unter dem Ansichtspunkt, dass man eine andere Person nie wirklich kennen kann. Durch die intrinsischen Einblicke, die man als Leser*in bekommt, sieht man, wie die Lösung einiger Probleme nur mehr Offenheit bedeuten würde. Die drei verbliebenen Mistreiter stehen sich aber wie Fremde, die einst eine gemeinsame Vergangenheit teilten, gegenüber. Sie könnten einander so leicht einen Teil des Alltagsballasts abnehmen, stattdessen blicken sie auf ihre Vergangenheit und versinken stets tiefer im Sumpf des Jetzt.

Auch wenn der Inhalt nicht unbedingt aufheitert, liest sich das Buch flüssig und ist durch seine gekonnte Schreibweise sowie seine Analyse der Generationen "Internet" eine große Empfehlung für den nächsten Buchkauf. Nicht nur sein Werdegang, sondern auch Vergleiche wie der, dass Jugendliche Posts wie Flaschenpost auswerfen und auf Reaktionen wie Liebesbeweise warten, lassen vermuten, dass Daniel Galera eventuell auch die beobachtende und durchschauende Fähigkeit mit seiner Figur Duke teilt.

-------

"SO ENDEN WIR", DANIEL GALERA, SUHRKAMP VERLAG

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top