LITERATUR

Nicht zählen, sondern erzählen: Wer waren 'diese Nazis'?

Kaum ein Begriff ist so stark konnotiert wie "Nazi". In den allermeisten Köpfen löst dieses Wort eine Flut an Assoziationen aus: Von anonymen Uniformierten auf schwarz-weiß Originalaufnahmen, über Ralph Fiennes aus "Schindlers Liste", bis zu glatzköpfigen Tätowierten in Springerstiefeln. Aber trotz all dieser Bilder und der stätig zunehmenden Präsenz des Begriffs selbst, bleibt die Bedeutung des Wortes "Nazi" am Ende unbegreiflich.

Aufstand im Warschauer Ghetto Photo by Jürgen Stroop01

Kann man die Grausamkeit der Täter und ihrer Taten überhaupt verständlich machen? Der zweite Part des zweiteiligen Artikels "Nicht zählen, sondern erzählen" (Teil 1 gibt es hier) beschäftigt sich mit dem durchaus gelungenen Versuch des KZ-Überlebenden Simon Wiesenthal in seinem Buch "Recht, nicht Rache". Wiesenthal, zeitlebens maßgeblich beteiligt an der Ausforschung zahlreicher Nazi-Verbrecher, zeichnet in detaillierten Täterprofilen ein vielschichtiges Bild der "Nazis", von emotionslosen Befehlsausführern hin zu mordlustigen Soziopathen.  

DER LETZTE NAZI-PROZESS ÖSTERREICHS: JOHANN VINZENZ GOGL
1972 sagen KZ-Überlebende im Linzer Landesgerichtssaal aus. Ein Zeuge berichtet, wie der Aufseher Johann Vinzenz Gogl gemeinsam mit einem anderen SS-Mann zwei jüdische Häftlinge in den elektrischen Drahtzaun geworfen habe. Ein anderer Überlebender erinnert sich an einen Vorfall im September 1944: Gogl und andere hätten alliierte Kriegsgefangene zu einem Steinbruch geführt, dort einige Menschen zu Tode geprügelt, danach wurden die anderen erschossen.

Der 48-jährige Angeklagte streitet alles ab. An den beschriebenen Morden in den KZs Mauthausen und Ebensee sei er nicht beteiligt gewesen, es müsse sich um eine Verwechslung handeln. Manchmal seien Selbstmörder "gegen den Zaun gesprungen". Die Anklageschrift ist gründlich, und zahlreiche weitere Zeugen gegeben detaillierte Aussagen zu Protokoll. Dennoch wird Gogl von den Geschworenen einstimmig und in allen Anklagepunkten freigesprochen. Im Gerichtssaal ertönen die Bravo-Rufe seiner Unterstützer.

Das Linzer Urteil wird vom Obersten Gerichtshof aufgehoben und Gogl in Wien erneut vor Gericht gestellt, jedoch wird er auch diesmal freigesprochen. Ein Kommentar des ersten Staatsanwalts Dr. Werner Olscher illustriert die damalige Haltung vieler Österreicher gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit: "Wem nützen eigentlich die Naziprozesse? Hat sich so ein Mensch nach Jahrzehnten sozial und politisch integriert, so halte ich es für sinnlos und unnotwendig, jemand aus dem sozialen Gefüge zu reißen."

Wie kam es zu so eklatanten Fehlurteilen? Die Gründe sind vielfältig. Schon 1946 übertrugen die Alliierten die Entnazifizierung fast gänzlich der österreichischen Regierung. Die politischen Parteien, allen voran ÖVP und SPÖ, hatten ein Interesse an der "Rehabilitierung" der Nazi-Verbrecher, schließlich wollte man keine potenziellen Wähler vergraulen. Darüber hinaus wurden die Urteile ab 1955 von Geschworenen gefällt, und diese wiederum zeigten sich den Angeklagten gegenüber oft äußerst milde. Mit der NS-Amnestie 1957 wurden schlussendlich zahlreiche Verfahren eingestellt und bereits erteilte Strafen rückgängig gemacht. Außerdem trugen auch die Medien, allen voran die Kronenzeitung, maßgeblich zur Bagatellisierung von Naziverbrechen in der Öffentlichkeit bei.   

EIN UNGELIEBTER AUFKLÄRER: SIMON WIESENTHAL
Die Verdrängungsmentalität der Medien bekam Simon Wiesenthal persönlich zu spüren. Der 2005 verstorbene KZ-Überlebende, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen, wurde jahrzehntelang als unpatriotischer Nestbeschmutzer verunglimpft. Zwar mag es auch durchaus berechtige Kritik an seinen Methoden geben, sein enormer Beitrag zur Aufarbeitung der österreichischen Nazivergangenheit ist dennoch unbestritten. "Recht, nicht Rache" ist, seinem Titel entsprechend, eine detaillierte und aufschlussreiche Auseinandersetzung mit einzelnen Tätern, wie der brutalen KZ-Aufseherin Hermine Braunsteiner, die erst in den 1960ern in New York ausgeforscht wurde, oder dem Architekten des Holocausts, Adolf Eichmann. Darüber hinaus diskutiert Wiesenthal auch die höchstaktuelle Frage des richtigen Umgangs mit Holocaustleugnern sowie mit heutigen rechtspopulistischen Strömungen und Parteien.

Simon Wiesenthal 1979 Photo by Rob C.  Croes

DER FPÖ-OBMANN FRIEDRICH PETER
Kurz vor den österreichischen Nationalratswahlen 1975 erhält Wiesenthal eine Liste der Mitglieder der 1. SS-Infanteriebrigade, deren Aufgabe es war Gebiete vorrangig in der Ukraine zu "reinigen". Dieses und andere Einsatzkommandos fielen in Dörfer ein und ermordeten Hundertausende Männer, Frauen und Kinder bei Massenerschießungen, meist in angrenzenden Wäldern.

Ein Name auf der Liste macht Wiesenthal stutzig: Friedrich Peter, so heißt auch der damalige Obmann der Freiheitlichen Partei. Wenn Kreiskys SPÖ bei den Wahlen keine absolute Mehrheit erhält, könnte Peter sogar Vizekanzler werden. Als Wiesenthal die NS-Vergangenheit Peters öffentlich macht, stellt Kreisky auch unmittelbar klar, dass diese neuen Informationen nichts an seinen potenziellen Koalitionsplänen mit der FPÖ ändern, und der damalige Fraktionschef der SPÖ, Heinz Fischer, erwägt sogar einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegen Wiesenthal. Schlussendlich kommt die Koalition zwar dank einer hauchdünnen Stimmenmehrheit der SPÖ doch nicht zustande, Kreiskys undifferenzierte Verteidigung Peters, später auch bekannt als "Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre", bleibt jedoch eines der Beispiele antisemitischer Ressentiments in den österreichischen Nachkriegsparteien.

Friedrich Peter selbst bestreitet alle Vorwürfe: Er sei nur ein einfacher Soldat gewesen, von Erschießungen habe er nichts gewusst, und wenn, dann hätten diese vermutlich während seines Heimaturlaubes stattgefunden. Juristische Konsequenzen gibt es keine. Bis 1983 bleibt Peter Obmann der FPÖ, und erst als Norbert Steger ihn für das Amt des dritten Nationalratspräsidenten vorschlägt, regt sich massiver öffentlicher Widerstand von Künstlern und Journalisten, bis Peter seine Kandidatur zurückzieht. Zwar stellte Peter sich in den 90ern gegen den Rechtspopulisten Jörg Haider, seine eigenen NS-Verbrechen wurden dennoch, auch innerhalb der Partei, niemals aufgearbeitet.

WER IST "DIESER NAZI"?
In "Recht, nicht Rache" dokumentiert Simon Wiesenthal den von ihm und seinen Mitarbeitern geleisteten immensen Beitrag zur Aufklärung der österreichischen Kriegsvergangenheit. Es geht ihm explizit nicht um die "Mitläufer", deren Schuldfrage eine überaus komplexe ist, sondern um Verbrecher und Mörder, die in ihrer Grausamkeit freiwillig weit über konformistische Mittäterschaft hinausgingen. "Nazi" bleibt ein heterogenes Konzept, doch mit seinen Täterprofilen schafft Wiesenthal wichtige Ankerpunkte für ein so schwer fassbares Konzept.

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"Recht, nicht Rache: Erinnerungen"
Simon Wiesenthal
Ullstein, 1995 (Dritte Auflage)

 

Wien. Mehr Kultur.
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