LITERATUR

Die kalten Schultern der Welt - Über zwei Bücher

"The Terror" und "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", zwei gleichzeitig sehr verschiedene, aber dennoch dasselbe Thema bearbeitende Bücher, die mit verschiedenen Mitteln versuchen, die unwirtliche Welt der Arktis für Leser*innen nachvollziehbar zu machen und sowohl den Hochmut des Menschen, als auch die Willkür der Natur gegenüber seinen Torheiten zu illustrieren.

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Dan Simmons "The Terror" ist eine fiktionalisierte Rekonstruktion der Ereignisse der britischen Arktisexpedition von 1845, unter der Leitung von Captain Sir John Franklin, die in einem kompletten Desaster endete. Die gesamte Expedition, inklusive Sir Franklin sowie beide Expeditionsschiffe, die Terror und die Erebus, verschwanden spätestens 1847 und es konnte kein Expeditionsmitglied lebendig gefunden werden. Dan Simmons Versuch einer möglichen Rekonstruktion der Geschehnisse erschien 2007, sieben Jahre bevor die Erebus gefunden wurde, 2016 schließlich konnte das gesunkene Wrack der Terror ebenfalls lokalisiert werden.

Simmons überließ es in seinem Buch jedoch nicht gänzlich den unbarmherzigen Elementen, die Expedition zu terrorisieren, sondern dichtete noch ein übernatürliches Monster hinzu, ein Plotelement, das schnell zur billigen Effekthascherei verwendet werden könnte, wäre Simmons Einsatz des Monsters nicht so geschickt verbunden mit der Geschichte, dass man fast sagen muss: Es macht Sinn diese Kreatur zu kreieren. Denn es ist bei weitem kein einfaches Monster, das die Entdecker hier dezimiert, sondern ein, dem Glauben der lokalen Bevölkerung nach, ein Dämon, ein böser Geist, der von Schamanen im Zaum gehalten werden muss. Die eindeutige Allegorie, die das Monster hier darstellt, die Überheblichkeit der Entdecker, die Natur der Arktis unangepasst überleben und kontrollieren zu können, schließlich ihr Ende besiegelte, liegt in diesem Fall eindeutig auf der Hand. Eine Serienadaption des Stoffes wurde 2018 im TV erfolgreich.

Christoph Ransmayrs Herangehensweise ist ein gänzlich andere, da es auch andere Umstände waren, die die K.u.K.-Expedition von 1874 unter der Leitung von Carl Weyprecht und Julius von Payer, in der Arktis vorfanden. Zwar war ihr Schiff, die Admiral Teggetthoff, genauso im Eis eingeschlossen wie die Erebus und die Terror, jedoch vermochte es Weyprecht, bis auf ein durch Krankheit verstorbenes Expeditionsmitglied, Otto Krisch, die gesamte entkräftete Expedition mit einem Marsch Richtung Süden zu retten. "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" geht insofern in Richtung Historienroman, dessen fiktiver Teil die Reise eines in Wirklichkeit nicht existenten Nachfahren eines der Crewmitglieder in die Arktis beschreibt.

Die Gemälde, die Weyprecht selbst von der Expedition inspiriert malte, können heute im Marinesaal des Heeresgeschichtlichen Museums Wien betrachtet werden. Diese stellen die einzigartige Möglichkeit dar, eine visuelle Repräsentation einer Expedition aus erster Hand zu sehen und sich so in die damalige Lage hineinzuversetzen.

So unterschiedlich beide Geschehnisse und deren künstlerische Interpretationen auch sind, so haben sie doch signifikante Gemeinsamkeiten. Der Forscher- und Entdeckergeist des 19. Jahrhunderts und dessen Grenzen werden nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch die Populärkultur noch einige Zeit beschäftigen.

Ich hoffe, ich konnte einige Leser*innen mit den Geschichten über die Gegend in der Nähe des Nordpols etwas abkühlen. Nächstes Mal wird es wieder heißer, wenn ich einen Blick in eine Zukunft voller geschmolzenen Plastiks werfe und die "Maker"- Bewegung thematisiere.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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