LITERATUR

Vergiss die Lüge

Seine originelle Erzählstimme und viel Gespür für die leisen Zwischentöne machen Benedict Wells zu einem der großen Talente der deutschsprachigen Literaturszene. In dem kürzlich erschienen Band "Die Wahrheit über das Lügen" skizziert er in zehn wahnwitzigen Kurzgeschichten den schmalen Grat zwischen Wahrheit und Fiktion.

Dieses Buch las ich am Strand in Miramar, nahe Porto, im halben Schneidersitz auf einem wackligen, weißen Plastikstuhl. In der Ferne mutprobten sich ein paar Adrenalinjunkies in den 15 Grad kalten Atlantik, und Möwen kreisten über dem Meer. Es roch nach Salz und Sonnencreme und gegrillten Sardinen.

Nach einem längeren Spaziergang entlang der Promenade hatte mich träge Zufriedenheit übermannt. Meine Augen waren geschlossen und mein Körper regungslos, abgesehen von meinem rechten Fuß. Der grub sich unwillkürlich in den heißen Sand, dann hob er sich vorsichtig und die Zehen spreizten sich, sodass die feinen Sandkörner langsam zu Boden rieselten. Die Wahrheit? Ich war glückselig und mir war nicht nach lesen zu Mute. Es dauerte, bis ich, seufzend und widerwillig, erst langsam die Augen und dann, mit skeptisch hochgezogenen Brauen, den Hardcover-Deckel öffnete. Und dann?

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Und dann versank ich in diesem wundervollen Buch, stürzte, schluckte, träumte, schwebte, lächelte und litt, bis ich, Stunden später, als die Möwen längst verschwunden waren und es in meinem linken Fuß unangenehm kribbelte, staunend die finalen Worte murmelte.

well01Dass Benedict Wells, der 24-jährig mit seinem Debüt-Roman "Becks letzter Sommer" erstmals Aufsehen erregte, außergewöhnlich talentiert ist, ist kein Geheimnis. Bereits vier Romane hat der junge Schweizer-Deutsche geschrieben, und diesen Sommer ist nun seine Sammlung an Kurzgeschichten erschienen. "Die Wahrheit über das Lügen", zehn Erzählungen, die so fantastisch skurril und unvorhersehbar sind, dass man sich wünscht, man könnte sie mehrmals zum ersten Mal lesen.

Der Titel ist irreführend, denn die Geschichten handeln nur peripher vom Lügen. Vielmehr geht es um das Spiel mit der Fiktion, den schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn, es geht um die Wahrhaftigkeit mancher Lügen und die tragische Verlogenheit der Wahrheit.

Ein Manager und Familienvater bricht am Geburtstag seines Sohnes zu einer Bergwanderung auf, doch als er zurückkehrt, hat sich sein gesamtes Leben verändert. Die Karriere eines gefeierten Drehbuchautors fußt auf einer fantastischen Lüge, aber als er klaren Tisch machen will, glaubt man ihm nicht. Ein Vater und sein Sohn fiebern seit Jahren auf den Moment hin, an dem der Kilometerzähler des Oldtimers auf 100.000 umschlägt, und sie wissen beide noch nicht, warum. Zehn völlig konträre, einzigartige Geschichten von Nostalgie und Träumerei, von Täuschungsmanövern und Realitätsflucht.

Dürfte man – in einem fiktiven, grausamen Paralleluniversum – nur eine von Benedict Wells Erzählungen lesen, es müsste "Ping Pong" sein. Selten hat jemand so treffend die zwanghafte Suche nach Sinn und die gähnende Leere nach dessen unwiederbringlichem Verlust auf so unterhaltsame und bizarre Weise auf den Punkt gebracht. Wells ist ein literarischer Klippenspringer, er traut sich was, ohne je in die Unverständlichkeit abzudriften, er stellt selbst dort auf beeindruckende Weise den Bezug zur Realität her, wo die Realität eigentlich keinen Platz hat. Dabei hilft seine klare, unprätentiöse und beeindruckend selbstbewusste Stimme.

Mit "Die Wahrheit über das Lügen" hat Benedict Wells erneut seinen unverstellten Blick auf die banale Tragikomik des Lebens unter Beweis gestellt. So schön, so klar, so bittersüß, dass es schlicht gelesen werden muss.


Die Wahrheit über das Lügen – Zehn Geschichten
Benedict Wells
Diogenes, 2018

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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