LITERATUR

Durch dick und dünn

Gute Freundschaften begleiten uns ein Leben lang, wieso sollte dies nicht auch mit unseren Lieblingsbüchern der Fall sein? Anstatt sie als Einwegprodukte zu sehen und höchstens ihre Moral mit uns zu nehmen, könnten wir ein ums andre Mal die uns vertrauten Welten wieder besuchen, um neue Erkenntnisse zu erlangen.

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EIN ALTER FREUND
Dieses Gefühl, wenn man einen alten Freund nach langer Zeit wieder trifft. Geteilte, nostalgische Erinnerungen und gewisse Erwartungen schwirren einem im Hinterkopf herum. Man hat das Wissen, dass man sich selbst verändert, oder vielleicht auch den Glauben, dass man sich weiterentwickelt hat, aber immer noch die gleiche Person wie vor ein paar Jahren ist. Doch was ist mit dem Freund? Wird er so sein, wie man ihn in Erinnerung hat? Wird es so aufregend und spaßig, wie in den alten Tagen und wenn es gut läuft, wird man sich von Anfang an verstehen oder wird es eine erneute Eingewöhnungsphase geben? Genau solche Gefühle überkommen einen, wenn man ein Buch in die Hände nimmt, das man bereits gelesen – und geliebt hat.

NEUE LIEBE
Viele Leute mögen sagen, dass es reicht, ein Buch einmal zu lesen. Wieso sollte man seine Zeit etwas widmen, dessen Ende man schon kennt? Statt vertraut wirkt das Alte bloß verbraucht und vorhersagbar. Dabei gibt immer wieder aufs Neue so viele Dinge zu entdecken. Natürlich sollte Zeit vergehen, um etwas Abstand zu gewinnen, doch dann steht den Neuentdeckungen nichts im Wege. Kinderbücher zum Beispiel, die guten zumindest, bieten nicht nur eine spannende Geschichte in einer fabelhaften Welt, die die Kreativität der Kleinen anspricht, sie sind dazu intelligent und beherbergen oft Lehren, die man als Kind nicht bewusst mitbekommt, einem als Erwachsenen in der Lebensrealität jedoch hilfreich sein können. Durch das mehrfache Lesen können wir nicht nur neue Dinge entdecken, die uns bis dahin vielleicht entgangen sind, sondern uns in die Zeit zurückversetzen lassen, als wir zum ersten Mal mit dieser Geschichte in Kontakt gekommen sind. Bücher können somit nicht nur zu Portalen in fremde Welten werden, sondern auch auf zweierlei Art zu Zeitmaschinen. Einerseits können sie uns fremde Vergangenheit oder Zukunft näherbringen und fungieren gleichzeitig als Tor zu dem bereits von uns Erlebten.

NEUE EINBLICKE
Nehmen wir diese Vorgänge, diese Veränderungen, bewusst wahr, können wir durch eine analytische Betrachtung viel über uns selbst lernen. Nicht nur wie wir uns verändern und verändert haben, sondern was uns bei erneutem Lesen aufgefallen ist, uns stärker interessiert oder mehr Beachtung auf sich gezogen hat, lässt einen Rückschluss darauf zu, was uns selbst in diesem Lebensabschnitt gerade beschäftigt. Meist lesen wir ein Buch und haben mehr Sympathie für diese oder jene Figur, doch das kann sich über die Zeit ändern, weil sich unsere Perspektive ebenso weiterentwickelt. Markierungen können dabei helfen, diese Veränderungen besser zu verfolgen, jedoch kann es auch wieder dazu führen, dass man sich mehr darauf konzentriert, wie man das Buch bereits gelesen hat, anstatt mit offenem Geist einfach abzuwarten, was einen dieses Mal fasziniert.

"So many books, so little time", sagte Frank Zappa und trotzdem plädiere ich für das Mehrfachlesen. Um zu dem Vergleich vom Anfang zurückzukommen: es gibt auch unglaublich viele Menschen auf der Welt, die wir nie alle kennenlernen werden, und trotzdem verbringen wir viel Zeit damit, dieselben immer wieder und wieder zu treffen, wir nennen sie Freunde. Dass eine Mischung aus Altbewehrtem und Neuem die beste Lösung ist, sollte bekannt sein, daher gebt euren alten Kinder- und Jugendbüchern oder der Geschichte, die ihr vor zwei Jahren nicht aus der Hand legen konntet, abermals eine Chance, vielleicht könnt ihr euch aufs Neue verlieben.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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