LITERATUR

Liebe ist die beste Therapie

liebetherapie02In einem letzten Aufbäumen haben Charlotte und Steve sich entschlossen, eine Ehetherapie zu machen. Schließlich haben sie sich einmal geliebt, und außerdem sind da ja auch noch die Kinder. Therapeutin Sandy pflegt unorthodoxe Methoden, aber vielleicht können gerade die ihrer Beziehung neues Leben einhauchen? Eigentlich verspricht die Prämisse von John Jay Osborns "Liebe ist die beste Therapie" einiges an psychologischem Tiefgang und Spannung: zwei erbitterte Feinde im Kampf um ihre verlorene Liebe, eine Geschichte von Introspektion, Katharsis und Hoffnung. 

Leider wird dieses Versprechen nicht erfüllt. Dass die Protagonisten zum Auftakt recht eindimensional daherkommen, wäre weniger problematisch, wenn sie im Verlauf des Romans an Tiefe gewinnen würden. Aber nein: Da ist (und bleibt) Charlotte, die manipulative Eisprinzessin, die – typisch Frau – stets das Gegenteil von dem sagt, was sie meint. Und da ist Steve, der äußerlich harte Karrieretyp mit weichem Kern, der ein verletztes Ego – typisch Mann – mit außerehelichen Affären kompensiert.

In einigen Rückblenden gibt der Autor zwar Einblicke in den Beziehungsalltag und deutet die Beweggründe für die gegenseitigen Demontageversuche der Ehepartner hie und da an, letztendlich bleibt er dem Leser und der Leserin eine Erkundung der Wurzeln des Unglücks aber schuldig. Und so hängen zwei Fragen wie Neonleuchten über der Lektüre dieses Werks: Warum haben Steve und Charlotte sich getrennt? Und viel wichtiger: Warum haben sie sich jemals geliebt?

Auch die Therapeutin ist eine schwammige, teils unverständlich grausame und absurd sensationsgierige Figur. Scheinbar konzipiert als die brillante Manipulatorin, wirkt sie großteils orientierungslos. Ihre Pläne sind oft so durchschaubar, dass die Leserin und der Leser nur mitleidig den Kopf schütteln können über Charlottes und Steves Naivität.

"Liebe ist die beste Therapie" wurde von Jenny Merling aus dem Amerikanischen übersetzt, und es fällt daher schwer zu beurteilen, wie viel der teils holprigen Sprache auf den ursprünglichen Text oder auf die Übersetzung zurückzuführen ist. "Ich hatte ihn noch nicht zur Rede gestellt, aber ich wusste, was los ist. Er wich mir aus, wenn es darum ging, wo er war, er bekam Anrufe zu den seltsamsten Tageszeiten. Ich wusste auf jeden Fall Bescheid. Es war irgendwie faszinierend, ihm dabei zuzusehen. Ich konnte nicht fassen, dass er mich wirklich für so dumm hielt", berichtet Charlotte über einen dramatischen Wendepunkt in ihrer Beziehung im Ton einer völlig teilnahmslosen Beobachterin.

liebetherapie

Das Einzige, was einen dazu anhält, weiterzulesen, ist die Frage ob Charlotte und Steve ihre Ehe am Ende retten werden. Osborn beherrscht gekonnt den Einsatz von Cliffhangern, fast jedes Kapitel endet mit einer offenen Frage. Statt tiefgreifenden Geständnissen und unvorhergesehenen Einblicken folgen jedoch stets nur Trivialitäten.

"Liebe ist die beste Therapie" ist ein bemühter Versuch mit einigen wenigen berührenden Szenen. Ansonsten schaffen Handlung und Charaktere es leider kaum, sich von Klischees und Banalitäten zu lösen.


 

LIEBE IST DIE BESTE THERAPIE
John Jay Osborn, aus dem Amerikanischen von Jenny Merling
Diogenes, 2018

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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