LITERATUR

Der Versuch einer Online-Ausstellung

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Wie ein Mythos schwebt Wendelin Schmidt-Dengler seit meinem Studium der Germanistik in meinem Leben herum und begleitet mich. Jedes Mal, wenn mich jemand der älteren Generation aus meinem Umfeld fragte, was ich denn studiere und meine Antwort Germanistik war, kam sofort: "Hattest du noch Vorlesungen beim Schmidt-Dengler? Der war genial." Nein, hatte ich nicht. Schade, lautete dann die fast traurige Antwort. Leider verstarb der ehemalige Vorstand des Instituts für Germanistik an der Hauptuniversität Wien überraschend im September 2008, wodurch ich nicht mehr in den Genuss einer seiner grandiosen Vorlesungen und/oder Seminare kommen konnte.

BEWEGGRÜNDE
Unter anderem gründete und leitete Schmidt-Dengler auch das österreichische Literaturarchiv an der Nationalbibliothek. Eben dieses hat nun, anlässlich seines zehnten Todestages, für alle InteressentInnen online eine Ausstellung über ihn zusammengestellt, mit dem Titel: AN MEINE VÖLKER UND VOLKER! Um ein bisschen mehr über diesen Experten der Literatur zu erfahren, habe ich sie mir angeschaut.

AUFBAU UND INHALT
Lange muss man sich nicht dafür Zeit nehmen. Auch wenn man alles genau bis ins kleinste Detail liest oder sich anhört, braucht man in etwa 45 Minuten. Unterteilt ist die Ausstellung in drei größere Kapitel:

Das Literaturarchiv: Hier findet man vor allem Fotos von MitarbeiterInnen des Literaturarchivs, natürlich inklusive seines Gründers, verschiedene Zitate von ihm und über ihn sowie Postkarten, die Wendelin Schmidt-Dengler aus Brasilien oder Japan geschickt hat. Vor allem bei den Postkarten ist es nicht leicht, seine Schrift zu entziffern und es findet sich nirgends eine Transkription seiner Grüße aus fernen Ländern. Alles konnte ich nicht lesen.

Der Professor: In diesem Teil liest und hört man Schmidt-Denglers Reflexionen über die Germanistik und Literatur. Der kurze Ausschnitt einer Vorlesung lässt eindeutig erkennen, warum er sehr beliebt war und die StudentInnen in Massen seiner Stimme und Rhetorik lauschten. Weiters erfährt man etwas über sein großes Anliegen des freien Zugangs an öffentlichen Universitäten.

WSD und SCR: nach kurzem Nachdenken ist mir endlich eingefallen was diese beiden Kürzel denn bedeuten – Wendelin Schmidt-Dengler und SC Rapid. Er war ein großer Anhänger dieses Fußballvereins. Entsprechend wird seiner Leidenschaft hier Ausdruck gebracht, unter anderem durch Zeitungsartikel und Zitate.

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FAZIT
Wenn man über Wendelin Schmidt-Dengler nicht wirklich etwas weiß, dann ist man hier nicht gut aufgehoben. Es wird ein großes Hintergrundwissen vorausgesetzt. Leider fehlt auch so etwas wie ein ungefährer Lebenslauf oder ähnliches, was man durch etwaiges Googeln wettmachen könnte, was aber meiner Meinung nach nicht der Sinn einer Ausstellung über eine bestimmte Person sein sollte. Teilweise wirkt die Online-Ausstellung etwas lieblos. Viele Dinge werden auch einfach nicht erklärt oder vielleicht geht man davon aus, das man weiß, was damit gemeint ist? Alleine der Titel der Ausstellung sollte separat erörtert werden. Zwar weiß ich schon, dass Volker ein Männername ist, aber gibt (oder gab) es einen Volker im Team des Literaturarchivs oder mehrere? Oder ist es sein Sohn? Oder ist es einfach ein Wortwitz?

Wirklich schön sieht die Ausstellung auch nicht aus. Man klickt sich etwas gelangweilt durch die drei Teile, wobei ich mir zunächst gar nicht sicher war, ob das alles ist oder ob man irgendwo noch mehr findet, da der Aufbau nicht erklärt wird. "An meine Völker und Volker!" schafft es dann aber doch, den Charakter und die Ideologie Wendelin Schmidt-Denglers rüberzubringen. "An meine Völker und Volker!" eignet sich für alle Menschen, die Wendelin Schmidt-Dengler näher kannten und gerne noch einmal in Erinnerungen schwelgen wollen. Der Rest recherchiert lieber selber. 

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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