LITERATUR

Fremde Heimat

handbeißt02Mirsad, ein alter Freund der Ich-Erzählerin, leidet unter einer akuten Episode von Weltschmerz, "weil der Westen die Wahrheit von unsereiner aus dem Osten – aus dem ehemaligen Osten – nicht begreift. ››Weil wir Wahrheiten haben, die von denen ihren grundverschieden sind‹‹". Seit fünf Monaten hat Mirsad sein Haus nicht verlassen, und deshalb macht sich die nach Paris emigrierte Protagonistin in Ornela Vorpsis "Die Hand, die man nicht beißt" auf den Weg nach Albanien, ihre alte Heimat, die ihr längst unheimlich geworden ist.

Die Parallelen zwischen Hauptfigur und Autorin lassen sich schwer leugnen. Ornela Vorpsi, 1968 im albanischen Tirana geboren, zog in den frühen Neunzigern nach Italien und später nach Paris. Sie betätigte sich als Fotografin, Malerin und Videokünstlerin, und schrieb 2007 ihren ersten, von der Kritik gelobten Roman "Das ewige Leben der Albaner". 2010 folgte "Die Hand, die man nicht beißt".

Dessen namenlose Ich-Erzählerin bleibt ein vager Umriss. Sie scheint in Paris zu wohnen. Einem Bekannten erzählte sie einmal, dass sie Modefotografin werden wolle, aber ob der Plan sich erfüllt hat, bleibt unklar. Ihre Erinnerungssequenzen spielen in Rom und Mailand, verheiratet sei sie mit einem Italiener – oder ist das nur eine Ausrede, um den Avancen eines aufdringlichen Mannes auszuweichen? Frei von jedem biografischen Gewicht wird die Protagonistin zur Leinwand, auf der Vorpsi mit feiner Linienführung skizziert, was es bedeutet, wenn man fremd ist an dem Ort, dessen Landschaften, Gerüche und Geräusche die Kulisse deiner Kindheit waren.

Zurück in Albanien merkt die Protagonistin schnell, dass sie "zu einer Ausländerin geworden ist". Man lässt sie spüren, dass die Emigration in den Westen sich auf ihr wie Schmutz abgesetzt hat, den sich nicht abschütteln kann. Scheue Blicke und dahingesagte Kommentare offenbaren den Neid und Argwohn derer, die den Westen mit einer Intensität idealisieren und verteufeln, die man nur von verschmähten Liebhabern kennt. Die Erzählerin selbst ist eine schonungslose Beobachterin, die mit familiärer Strenge über Sarajevo, Albanien, und den "Balkan" urteilt. Sie darf das, sie darf sich wehren, sie ist immer noch ein Kind dieser Erde, zumindest solange sie die anzüglichen Witze versteht, die sich die Männer auf Bosnisch zuflüstern.

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Und so kann sie sich, trotz des Bemühens um Abgrenzung, der Vertrautheit der Umgebung nicht lange erwehren. Der Roman ist fragmentarisch, ein Mosaik aus Anekdoten, Impressionen, und Erinnerungen: "Wie gern hätte ich meine Mutter gekannt, als sie noch ein kleines Mädchen war! Ich hätte sie gelehrt, weniger streng zu sein! Mit dem Leben, mit sich selbst! Mit mir! Was hätten wir nicht alles zusammen spielen können! Ich hätte ihr beigebracht, wie man lügt! Wie man die Männer an der Nase herumführt! Wie man sie vernascht!"

Am Ende hat die Erzählerin Verständnis für ihre Landsleute, wie den jungen, kosovarischen Börekverkäufer, der sie drängt, ihm "Papiere zu besorgen", um in den Westen zu gelangen – Deutschland, Frankreich, Italien, egal wohin, nur weg von hier. Und sie berichtet mit wohlwollendem Mitgefühl von alten Freunden, wie Beni: "Er ist dreiunddreißig Jahre alt und hat seinem Leben immer noch keine Form gegeben. Manchmal ist es das Leben selbst, das einfach aus Sturheit keine Form annehmen will. Das Leben will eigentlich Vielfalt herausbilden, Vielfalt über alles, doch was Beni betrifft, Leerlauf."

Vorpsis Sprache ist bildhaft, ausdruckstark, und melancholisch. Wie viel davon als mäandernd oder atmosphärisch empfunden wird, hängt auch von der Zugänglichkeit des Lesenden für Abzweigungen und Umwege ab. Der Roman folgt keiner klaren Handlung, die vorangetrieben werden müsste, sondern dem Bewusstseinsstrom einer Erzählerin, die zum Spielball ihres zunehmend aufgewühlten Innenlebens wird. Was zwischen ihren Reflektionen und Beobachtungen immer wieder hervorblitzt ist der Schauplatz, Sarajevo, ein faszinierender und zugleich klaustrophobischer Ort, unter dessen Oberfläche sich unzählige verdrängte Traumata tummeln.

"Die Hand, die man nicht beißt" ist eine melancholische Annäherung an das Gefühl zwischen Sehnsucht und jähem Fluchtreflex: bittersüß und gewollt ziellos - ein Roman für alle Heimatlosen.



"DIE HAND, DIE MAN NICHT BEISST"
Ornela Vorpsi, übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Zsolnay, 2010

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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