LITERATUR

No Man's Land

nomansland00Die amerikanische Verwaltung liegt aktuell still, weil Präsident Trump auf der Finanzierung einer Grenzmauer zwischen Amerika und Mexiko beharrt. Wie derzeit auch in Europa, wird die Immigrationsfrage in den U.S.A. von PolitikerInnen instrumentalisiert, während ihre ethische Dimension oft bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert wird. Für Francisco Cantú wurden die Dilemmata des Grenzschutzes während seiner Zeit als Beamter der U.S. Border Patrol eindringliche Realität. Mit "No Man’s Land" liefert er einen bemerkenswerten Erfahrungsbericht über Schlepperbanden, Drogenmorde, und die unentdeckten Leichen in der mexikanischen Wüste.

Der ehemalige Fulbright Fellow und Essayist Francisco Cantú war vier Jahre lang Agent der U.S. Border Patrol, einer Polizeieinheit, die für die Überwachung der über 30.000 Kilometer langen Außengrenze der U.S.A zuständig ist. Hauptaufgabe der Gruppe ist es, illegale Einwanderer vom Grenzübertritt abzuhalten, und das vor allem an der Südgrenze zu Mexiko. Aktuell arbeiten mehr als 11.000 Polizisten für die Border Patrol. Mehr als die Hälfte davon sind, wie Cantú, Latinos.

Das Buch ist ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht über Cantús Eindrücke als Grenzschutzpolizist. Er erzählt von seinem idealistischen Ziel, einen Einblick in die Praxis der amerikanischen Grenzpolitik zu bekommen, ein Vorhaben, das schnell überschattet wird von den gewaltigen psychologischen Strapazen des Berufsalltags. Es dauert nicht lange bis Drogenhändler, Schmuggler und hilfesuchende Einwanderer ihn bis in seine Alpträume verfolgen. Seine Hände zittern unwillkürlich, nachts knirscht er vor Stress mit den Zähnen. Für den Enkel mexikanischer Immigranten ist die Arbeit beim Grenzschutz nicht zuletzt auch eine Frage der persönlichen Identität.

nomansland01

Substantiiert wird die persönliche Erzählung durch Berichte von Experten, die sich in unterschiedlichsten Funktionen mit der Einwanderungsproblematik auseinandersetzen, darunter eine Kultursoziologin, eine Lyrikerin, und der mexikanische Gerichtsmediziner Hiram Muñoz (zitiert aus einem Interview in Ed Vulliamy’s "Amexica"). Er versucht die Botschaften zu entschlüsseln, die die Auftragskiller der Drogenbosse durch gezielte Verstümmelungen, wie herausgeschnittene Zungen oder abgetrennte Finger, hinterlassen.

Darüber hinaus erläutert Cantú prägnant und anschaulich die Geschichte der amerikanisch-mexikanischen Grenze, die in ähnlicher Form seit 1848 besteht, sowie das durch Inkompetenz und Korruption gelähmte Vorgehen der mexikanischen Behörden gegen Kriminalität und Gewalt. Ein besonders erschreckendes Beispiel ist dabei die Grenzstadt Juárez, in der im Jahr 2018 erneut  1247 MORDE registriert wurden.

Von der amerikanischen Presse gefeiert und mit dem angesehenen Whiting Award ausgezeichnet, erhielt Cantú aber auch Kritik, vor allem in Hinblick auf die Frage, ob die Tragödien, die sich täglich an der Grenze abspielen, ausgerechnet von einem jungen, männlichen Grenzschutzbeamten mit amerikanischer Staatsbürgerschaft erzählt werden sollen. Darf er sich als Fürsprecher der illegalen Einwanderer stilisieren und mit seinen Berichten über das Grauen Geld verdienen? Oder eröffnen seine Erfahrungen, kombiniert mit seinem literarischen Talent, eine einmalige Perspektive auf die Immigrationsdebatte?

nomansland02

Sowohl in seinem Buch als auch in nachträglichen Reaktionen zeigt sich Cantú selbstkritisch. Schon in "No Man’s Land" berichtet er schonungslos, wie die Grenzbeamten lachend auf die in der Eile von flüchtenden Mexikanern zurückgelassenen Kleidungsstücke pinkeln und deren Wasserflaschen auf dem heißen Wüstenboden ausleeren.

Diese Passagen über persönliche Verantwortung und Systemzwänge sind es, die das Buch besonders lesenswert machen. Als Grenzbeamter ist sich Cantú der tagtäglichen moralischen Dilemmata seines Berufs bewusst, aber er erkennt auch seinen kleinen aber entscheidenden Handlungsspielraum. Nachdem sie von der Border Patrol aufgegriffen wurden, sind die Einwanderer oft panisch, und froh in Cantú auf einen Beamten zu treffen, der ihre Sprache spricht, und sich für ihre Geschichte interessiert. Am Ende des Tages ist er dennoch nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe. In einem  INTERVIEW MIT DER NEW YORK TIMES gesteht Cantú: „Ich hatte das Gefühl, dass meine individuellen Handlungen von der unablässigen Maschinerie des Systems und der Organisationskultur, von der ich ein Teil war, überschattet wurden.“

Der Alltag eines Grenzbeamten ist, wie bei vielen Berufen in Gefahrenfeldern, geprägt von lähmender, langweiliger Routine – Patrouillenfahrten in der glühend heißen Wüste, Verlorene auflesen, Personalien aufnehmen, Deportationspapiere ausfüllen - unterbrochen von Sequenzen des Grauens: Zusammenstöße mit mexikanischen Drogenkartellen, oder das Auffinden der Leichen von Verdursteten. Denn die Schlepper verlangen zwar Unsummen, haben aber keine Skrupel, Schwangere, Schwache oder Ältere in der brütenden Hitze zurückzulassen.

Cantú verlässt die Border Patrol nach vier Jahren. Mit "No Man’s Land" liefert er eine aufwühlende und informative Reportage über die sehr realen Konsequenzen fehlgeschlagener Einwanderungspolitik.

_____________________________________

 NO MAN’S LAND: LEBEN AN DER MEXIKANISCHEN GRENZE
 FRANCISCO CANTÚ, übersetzt aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork
Hanser, 2018
Eine Leseprobe findet ihr HIER.  

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top