LITERATUR

Mutterschaft? Lieber nicht.

mutterschaft1Die Frage, ob eine Frau nur eine vollwertige Frau ist, wenn sie ein Kind bekommt, haben sich besonders in den vergangenen Jahrzehnten wohl mehr Frauen gestellt. Und Überraschung: es gibt keine eindeutige Antwort.  SHEILA HETI hat ihren persönlichen Weg zur Antwort auf diese Frage dennoch in dem Buch MUTTERSCHAFT niedergeschrieben und versucht so den Prozess zu teilen und anderen Frauen möglicherweise einfacher zu machen. Oder auch die Entscheidung für ein Kind transparenter zu machen.

Wie eine Entscheidung entsteht, ist für jeden Menschen sehr persönlich, das merkt man auch bei Heti. Ersichtlich ist es aber nicht nur am Entscheidungsprozess, sondern auch am Schreibstil. "Mutterschaft" ist ein rund 300 Seiten langer innerer Monolog, der zwar eindeutig spannende Einblicke gibt, aber doch sehr persönlich ist und teilweise auch dem Leser und der Leserin das Gefühl vermittelt, sich mit Hetis Problemen auseinandersetzen zu müssen. Wobei, wie so oft, ist genau dieser Umstand ein zweischneidiges Schwert. 

GEDANKEN, DIE MAN KENNT
Die Überlegungen, wie eine Beziehung und Freundschaften mit anderen Menschen, die Kinder haben, oder sich dagegen entschieden haben, beeinflusst in jedem Gespräch die eigene Meinung zu dem Thema. So gesehen kennt jeder die Situationen, die sie in ihren Begegnungen beschreibt, teilweise auch die Gedanken. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass Heti in dem Buch älter ist, die Entscheidung ist damit nicht mehr eine vage Entscheidung für einen fernen Tag in der Zukunft, sondern eher eine immanente. Das Abwägen der eigenen Gedanken ist allerdings immer dasselbe – zumindest kommen mir viele der Pro und Contra Argumente bekannt vor, auch wenn ich persönlich noch Zeit für diese Entscheidung habe.

Bei Büchern ist es immer gut, dem Leser etwas Nachvollziehbares zu geben und ihn, oder in dem Fall wohl eindeutig mehr sie, in die Welt des Buches oder der Autorin zu ziehen. Hetis innere Monologe sind allerdings extrem am persönlichen Leben orientiert. Beispielsweise sind die einzelnen Kapitel nach ihrem Menstruationszyklus benannt und dieser wiederum beeinflusst ihre Beziehung sehr stark. Zum passenden Zeitpunkt geht es um das Bedürfnis nach Sex und wie sich dieses mit dem Bedürfnis nach Kindern vermischt, zu anderen geht es darum, wie das Prämenstruelles Syndrom in ihrer Beziehung regelmäßig zu Streitereien und Zweifeln führt. 

PERSÖNLICHE ERKENNTNISSE
Tatsächlich ist "Mutterschaft" aber nicht nur eine Reflexion über die persönliche Entscheidungsfindung, sondern stellt auch den Stellenwert von Frauen in der Gesellschaft in Frage. Was muss eine Frau zurücklassen, damit ihr Leben der Gesellschaft etwas hinterlassen hat? Die Frage ist einfach, warum sollte es ein Kind sein? Männer können schließlich auch Imperien aufbauen oder ihre Karrieren als Mahnmal hinterlassen. Sie haben es nur leichter, weil ihre Kinder diese übernehmen können, die Aufgabe, Kinder groß zu ziehen aber meistens ihren Frauen überlassen wird.

Die große Frage, was ein Vermächtnis ausmacht, ist schließlich auch das Entscheidende. Zumindest indirekt. Hetis Geschichte ist nämlich nicht nur ihre persönliche Reflexion, sondern basiert auch auf der Geschichte ihrer Mutter und Großmutter. Das eigene Verhältnis zu ihrer Mutter ist entscheidend für ihren Wunsch nach Kindern. Erwähnt werden muss dazu auch noch, dass ihre Mutter ihr Leben mehr ihrer Karriere gewidmet hat, auch um die Erwartungen ihrer eigenen Mutter zu erfüllen. So gesehen ist die Überlegung auch ein Verlauf von Generationen, wie die Karriere und das Berufsleben im Laufe von Generationen wichtiger wird, als das Bedürfnis, Kinder zu bekommen. Hetis schlussendliche Überzeugung muss nur wegen einer Rezension aber nicht versteckt werden, zu oft wurde sie schon in Interviews vermittelt. Die Entscheidung gegen Kinder ist in ihrem Fall aber keine leichtherzig getroffene, sondern lange und anstrengend getroffene. Das kann inspirierend sein, kann aber auch persönliche Anstrengung beim Lesen bedeuten. Wer das mag und damit gerne auch zwischendurch feministische Anregungen mitnimmt, ist mit dem Buch also gut beraten. Wer beim Lesen aber leichtere Inspiration oder Unterhaltung sucht, nicht so sehr. So viel muss bei einem so ehrlich geschriebenem Buch als ehrliches Feedback erlaubt sein.

"Mutterschaft" ist am 19. Februar beim Rowohlt Verlag erschienen. EIne Leseprobe gibt es HIER.

 

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