LITERATUR

Musische Asymmetrie

asymmetrie1Zahlreiche Faktoren wirken aufs Schreiben: räumliche, politische, zwischenmenschliche – steht nicht auf die eine oder andere Weise jeder künstlerischen Eingebung ein musischer Moment bevor und wird als solcher ausgenutzt? Der persönliche Zugang zur künstlerischen Praxis sei Gegenstand einer anderen Diskussion – ich möchte mich diesmal der Rolle der Muse in dem  DEBÜTROMAN "ASYMMETRIE" VON LISA HALLIDAY widmen.

Das Phänomen der Muse zieht sich beharrlich durch die Geschichte der Künste, ob in der Malerei, in der Musik oder der Literatur. Für manche Schreibende ist sie etwas Metaphysisches, ein Hauch göttlicher Inspiration, die nur in besonderen Momenten auftaucht. Für andere verdichtet sich der Quell an künstlerischem Antrieb in menschlicher Form, einem nahestehenden Menschen, einer Liebhaberin.

DIE FRAU, DIE INSPIRIERT
Bleiben wir zuerst noch in Wien und werfen einen kurzen Blick auf drei Arten von Musen, die um 1900 als Kultobjekt künstlerischer Inspiration fürs männliche Genie galten: Femme fatale, femme fragile und femme enfant. Die eine verrucht, die andere unberührt, letztere das frühreife Mädchen. In der Tradition des Fin de Siècle ist ihnen eines gemeinsam: Ihre Darstellung, in der bildenden Kunst oder in der Literatur, ist möglichst leblos, möglichst inszeniert, möglichst drappiert. Die Grenzen dieses begrenzten Spektrums werden noch heute gesprengt.

ASYMMETRIE
Im ersten Teil des beeindruckenden Werks lässt Halliday ihre Protagonistin Alice, eine Lektorin in ihren ihren Zwanzigern, mit der Ambition zu schreiben, eine Affäre mit einem wesentlich älteren literarischen Genie eingehen. Sie lieben, sie lachen, er schreibt, in Ansätzen werden auch ihre künstlerische Vorhaben angesprochen. Sie erhält eine Art "literarische Schule" von dem Literaturnobelpreisträger, dessen Unsicherheiten genauso Gegenstand in dieser Beziehung sind wie ihre eigenen.

SIE SCHREIBT GESCHICHTE
Die Leben beider Figuren greifen ineinander bis zu dem Punkt der Auflösung, die mit dem zweiten Teil des Romans eintritt. Alice schreibt nun Geschichte und zwar eine ganz andere als man es vielleicht erwartet hätte – die Ratschläge ihres Liebhabers und Mentors ignorierend. Dieser Knick, diese wunderbare Asymmetrie in der Handlung macht dieses Buch großartig befreiend.

WER WEM MUSE IST
Lisa Hallidays Roman mit autobiografischen Einsprengseln – ihr Verhältnis mit dem Schriftsteller Philip Roth ist in der Rezeption erwartungsgemäß omnipräsent – ist erfrischend. Wer nun wem Muse ist, ist nicht mehr wichtig. Das Leben selbst in all seinen Facetten und Stimmenreichtum durchzieht dieses empfehlenswerte Buch.


Lisa Halliday
"Asymmetrie"
Hanser Verlag, 2018

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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