LITERATUR

Lächle oder Stirb

lächleoderstirb0101Ist positives Denken gut? Nein, das ist keine rhetorische Frage. In ihrem 2009 publizierten Sachbuch "Smile or Die: How Positive Thinking Fooled America and the World" argumentiert Barbara Ehrenreich, dass das positive Denken zu einer milliardenschweren und kulthaften Industrie geworden ist, die gesunde Skepsis pauschal als irrelevant deklariert. Schon damals kontrovers diskutiert, wäre es ein Jahrzehnt später dringend an der Zeit für eine Neuauflage.

Die amerikanische Journalistin und provomierte Immunologin Barbara Ehrenreich nennt sich selbst eine "Myth-Busterin": Bekannt wurde sie mit "Nickel and Dimed: On (Not) Getting By in America", in dem sie schildert, wie sie sich im dreimonatigen Selbstversuch als Kellnerin, Zimmermädchen und Reinigungskraft durchkämpfte. Das ist die Art von Aufdecker-Journalismus, den Ehrenreich mitgeprägt hat: immersiv und gesellschaftskritisch, polemisch aber unleugbar scharfsinnig. Eines ihrer provokantesten Werke ist das 2009 erstveröffentlichte "Smile or Die", in dem sie dem ursprünglich amerikanischen aber längst global exportierten Kult des positiven Denkens auf den Zahn fühlt. Ehrenreich weiß, wie polarisierend ihre Analyse ist, und so nimmt sie vorweg: Ja, Optimismus kann zu mehr Gesundheit, Effizienz und Selbstbewusstsein führen. Was Ehrenreich kritisiert, ist nicht Lebensbejahung als persönliche Weltsicht, sondern der Reflex, gesunde Skepsis als negativ oder toxisch zu labeln, und die mit ihm verknüpfte prosperierende Industrie der Positive Psychology.

Ehrenreich ortet die Wurzel des positiven Denkens in ihrem Heimatland, beginnend mit den Schriften von Philosophen, Mystikern und Heilern im 19. Jahrhundert. Später ging das positive thinking eine überaus symbiotische Ehe mit dem Kapitalismus ein. Utopische Ideen von permanentem Wirtschaftswachstum und universellem Reichtum setzen, laut Ehrenreich, den Glauben an die Omnipotenz des eigenen Optimismus voraus. Die Kehrseite: Versagen ist stets persönlich verschuldet. Du wurdest gekündigt oder findest keinen Job? Vermutlich hast du einfach nicht genug an die "Unausweichlichkeit deines Erfolgs geglaubt".

Laut Ehrenreich trugen das positive Denken, und ein damit einhergehendes Ausblenden wichtiger Fakten, maßgeblich zum Beginn des Irakkriegs und zur Finanzkrise 2008 bei. Wer Zweifel an dem Selbstvertrauen der amerikanischen Militärmacht oder am unaufhörlich steigenden Wirtschaftswachstum äußerte, wurde als Pessimist abgekanzelt. Negative Prognosen passten schlichtweg nicht in den Zeitgeist. Seinen Gipfel findet die Bewegung des positiven Denkens in der Esoterik-Community, bei amerikanischen Prosperity-Predigern und einigen fragwürdigen Motivationsrednern. Diese treiben das Prinzip des positiven Denkens auf die Spitze, indem sie dem optimistischen Gedanken selbst eine ominöse Macht zusprechen. Allein der Wunsch nach Reichtum wird dich reich machen. Mer als deine guten Gedanken braucht es nicht, um die Welt zu verändern (#thoughtsandprayers).

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Vor 10 Jahren, als "Smile or Die" erstveröffentlicht wurde, sprach Ehrenreich noch von einem "kleinen Industriezweig" des positiven Denkens, und meinte damit die Bücher, DVDs und Seminare einiger Motivationscoaches. Seither ist das Business enorm gewachsen, und mittlerweile hat das positive Denken auf den sozialen Plattformen ein neues Zuhause gefunden. Dort wimmelt es nur so von mit #blessed und #grateful dekorierten aber gänzlich inhaltsbefreiten "Believe in yourself" quotes.

"Smile or Die" ist auch heute noch zeitgemäß, vielleicht sogar mehr denn je. Ehrenreich mag zwar hier und da zum breiten Pinselstrich neigen, aber sie hat ein Talent dafür, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und ihre weitreichenden Konsequenzen frühzeitig zu erkennen. Sie liefert ein eindringliches Plädoyer gegen die Vorverurteilung jeder Form von Skepsis als Negativität, und appelliert: "To complainers everywhere: turn up the volume!"


"Smile or Die: How Positive Thinking Fooled America and the World"
BARBARE EHRENREICH
Granta, 2010

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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