LITERATUR

Einsamkeit ≠ Einsamkeit

" 100 JAHRE EINSAMKEIT" von Gabriel Garcia Marquez, vermutlich eines der bekanntesten Bücher lateinamerikanischer Literatur, erzählt gleichzeitig die Geschichte einer Familie und eines Dorfes und die Geschichte des Staates Kolumbiens. So wie man es von anderen bekannten Romanen kennt, die zeigen, dass Familiengeschichte auch immer von Zeitgeschichte geprägt ist.

Ein erster Überblick und Besonderheiten

Das Buch lässt sich mehr oder weniger in drei große Abschnitte einteilen: zunächst die Gründung der Familie bzw. die Entstehung des Dorfes durch die Familie Buendía, anschließend die weiteren sozioökonomischen Entwicklungen wiederum sowohl innerhalb der Familie bzw. des Dorfes, und schlussendlich der Niedergang beider.

einsamkeit klein

Das große Thema des Romans ist, wie im Titel vom Autor selbst klar benannt, die Einsamkeit. Dafür muss man kein/e Literaturwissenschaftler/in sein. Das Dorf Macondo liegt mitten im Urwald und ist viele Jahrzehnte von der Außenwelt abgeschnitten. Man muss sich zuerst durch den Dschungel kämpfen, um es zu erreichen oder auch davon weggehen zu können. Aber nicht nur das Dorf steht für Einsamkeit. Auch die meisten Charaktere repräsentieren ein einsames Leben. So wie der General und Sohn des Dorfgründers Aureliano Buendía, der durch die Welt zieht, 16 Kinder zeugt, aber nie wirklich Liebe empfinden kann oder seine Schwester Amaranta, die allen Männern den Kopf verdreht, aber nie einen davon heiraten will oder kann. Wirkt das Dorf am Anfang noch voller Leben und Freude, so hat man dem Ende zugehend immer stärker das Gefühl, dass Macondo entweder bis auf wenige Personen fast leer steht oder alle Einwohner zurückgezogen in ihren Häusern wohnen und nicht miteinander interagieren. Gab es am Anfang auch die Familie mit all ihren Kindern, die immer weiter wuchs und neue Generationen entstehen ließ, stehen dieser am Ende zwei Personen diesem Familienclan gegenüber.

Verwirrende Namensgebungen

Es war sehr schnell sehr verwirrend, dass alle Charaktere mehr oder weniger dieselben Namen tragen. Manchmal hat der Name eventuell einen weiteren Zusatz (z. B.: Aureliano Buendía und Aureliano Segundo Buendía), aber das hilft einem nicht wirklich den Überblick zu behalten. Gott sein Dank gibt es ja heutzutage dass Internet und dort kann man den Stammbaum der Familie so oft googeln wie man will und das macht man dann einige Male, aber merken wird man es sich nie. Die Weitervererbung des Namens hängt einerseits damit zusammen, dass in lateinamerikanischen Ländern die Kinder sehr gerne nach den Eltern benannt werden, andererseits damit, dass dadurch ein ewiger Kreislauf entsteht. Man hat das Gefühl, dass es sich teilweise noch immer um dieselbe Person wie vor 200 Seiten und fünfzig Jahren handelt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass nicht nur die Namen, sondern auch die Charakterzüge und Lebenswege vererbt werden. Jose Arcadío verliebt sich in seine Tante Amaranta, einige Generationen später verliebt sich ein weiterer Jose Arcadío in eine andere Amaranta. Aber das ist generell ein häufiges Thema im magischen Realismus: Nichts stirbt endgültig. Alles überlebt weiter in der Familie und in der Natur.

einsamkeit stammbaum

Magie oder Realität?

Gabriel Garcia Marquez verbindet in "100 Jahre Einsamkeit" auf wunderbare Weise Realität und Magie miteinander und arbeitet dadurch die verschiedenen Ebenen von Einsamkeit heraus, die heutzutage als wichtiges Thema immer wieder durch unsere Medien rauscht. Wenn die Mutter zum Beispiel spürt, dass eines ihrer Kinder in Gefahr ist und das Blut des toten Sohnes sich aus seinem Haus einen Weg zum Haus seiner Mutter bahnt oder wenn Remedio, die Schöne, eines Tages genug hat vom Leben auf dieser Erde und in den Himmel aufsteigt. Und das schönste an all diesen Dingen ist, dass all dies vollkommen normal wirkt.

 

Wien. Mehr Kultur.
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