WIENER BERUFE

Wenn der Abstand nicht da ist, würdest irgendwann mal verrückt werden

Die Wolken hängen tief, der Wind scheucht das Laub auf und es nieselt. Es herrscht perfektes Friedhofswetter, als ich mich mit Christian Leppich von der  BESTATTUNG WIEN am Friedhof Südwest treffe. Gemeinsam spazieren wir an diversen Gräbern vorbei, während er mir von seinem Beruf erzählt.

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WAS IST IHRE GENAUE BERUFSBEZEICHNUNG?
Ich bin im Kundenservice der Bestattung Wien tätig. Das heißt, zu mir kommen die Hinterbliebenen und bestellen oder organisieren mit mir das Begräbnis.

WIE SIEHT DER BERUFSALLTAG VON IHNEN AUS?
Wie alle anderen Angestellten auch schalten wir in der Früh den PC ein. In einem speziellen Programm zu Erfassung von Verstorbenen sehen wir, wer verstorben ist und wer schon in der Nacht vom Abholdienst der Bestattung Wien abgeholt wurde oder wer am Tag abgeholt wird. Später am Tag kommen dann Hinterbliebene zu uns, um Begräbnisse mit uns zu organisieren. Das fängt mit Namen und Geburtsdatum an, dann wird die Grabadresse erfragt und wie das Begräbnis aussehen soll. Vor allem, ob es eine Feuer- oder Erdbestattung sein soll. Dann fragen wir noch, ob für die Trauerfeier Musik, Blumen oder Ähnliches erwünscht ist...

WIE VIELE BESTATTUNGEN AM TAG MACHEN SIE?
Ich betreue drei bis vier am Tag.

WIE SIND SIE ZU DIESEM BERUF GEKOMMEN?
Ich bin eigentlich gelernter Koch und Kellner, ich war im Gastgewerbe. Meine Frau aus erster Ehe hatte Verwandte, die bei der Bestattung Wien arbeiteten. Als Familienvater ist der Nachtdienst im Gastgewerbe irgendwann nur mehr schwer machbar. Dann habe ich mir die Bestattung angeschaut und hatte von Anfang an keine Berührungsängste. Ich habe als Träger am Friedhof Neustift begonnen, war dann Arrangeur, habe also in der Halle alles hergerichtet, wie zum Beispiel die Blumen, und jetzt bin ich seit drei Jahren im Büro. Endstation sozusagen. (lacht)

WAS WOLLTEN SIE WERDEN, ALS SIE EIN KIND WAREN?
Mein Kindheitstraum war es immer, etwas mit Film zu machen. Das habe ich aber erst mit 35 geschafft und nun bin hauptsächlich als Statist im Einsatz. Auch heute noch, meine Urlaubstage sind Statistentage.

WENN SIE NICHT BEI DER BESTATTUNG ARBEITEN WÜRDEN, WAS WÜRDEN SIE DANN MACHEN?
Ich wäre im Gastgewerbe geblieben. Ich habe zwar Koch gelernt, aber mir hat der Kontakt zu den Leuten gefehlt. Jetzt im Büro mit den Menschen in Kontakt zu sein – das ist einfach meines.

AUCH WENN ES HAUPTSÄCHLICH TRAURIGE ANLÄSSE SIND?
Ja, man braucht Empathie und muss besonders sensibel im Umgang mit den Menschen sein. Das kann ich.

WELCHE EIGENSCHAFTEN BRAUCHT MAN, UM DIESEN BERUF AUSZUÜBEN?
Man soll wissen, wie das Gegenüber drauf ist und braucht eine gute Menschenkenntnis. Die meisten, die ein Begräbnis bestellen, wollen sehr viel reden, weil das auch eine gewisse Ablenkung ist. Oft sitzen dann keine weinenden Menschen vor dir, weil sie durch die Organisation auf andere Gedanken kommen. Erst am Begräbnistag kommt alles wieder hoch.

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SIE SIND BEIM ORGANISIEREN DER BEGRÄBNISSE DABEI. WAS WAR DENN DAS VERRÜCKTESTE, WAS IHNEN UNTERGEKOMMEN IST?
Von der Musik her war es AC/DC und einen Rapid-Sarg haben wir einmal gehabt, mit Rapid-Wappen und allem Drum und Dran. Als Arrangeur habe ich auch viele Beerdigungen von Prominenten gestaltet. Udo Jürgens oder Otto Habsburg zum Beispiel. Das waren schon besondere Beerdigungen. Die Trauerfeier von Stefan Weber von Drahdiwaberl war vielleicht das Außergewöhnlichste, weil alle verkleidet und geschminkt gekommen sind. Er hat auch auf seiner Pate stehen gehabt: "Von Blumenspenden abzusehen, man soll Nacktfotos mitnehmen". (lacht) Das haben wir noch nie gehabt.

WELCHE AUSBILDUNG BENÖTIGT MAN, UM IN IHREM BERUF ZU ARBEITEN?
Als Träger beginnend braucht man eigentlich nur ein bisschen Kraft und du musst dich einfügen können. Als Arrangeur hast du dann eine kleine Ausbildung, in der die Abläufe einer Beerdigung gelernt und der Umgang mit den Leuten geschult wird. Die größte Ausbildung habe ich jetzt erst gehabt, im Büro. Alle Programme im Computer, das Sortiment, gewisse Gesetze und Richtlinien waren zu lernen. Zum Beispiel hat jedes Bundesland ein eigenes Leichengesetz. Das war ein bisschen heavy, aber ich würde es jetzt nicht mehr missen. Ich bin sehr drinnen in der Materie.

WIE HALTEN SIE ABSTAND ZU DIESEM DOCH TRAURIGEN BERUF?
Ich mach' es so: Wenn Dienstschluss ist, dann ist Dienstschluss und ich nehme den Beruf nicht mit nach Hause. In der Früh geht es wieder los. Wenn der Abstand nicht da ist, würdest irgendwann mal verrückt werden.

WAS IST IHRE ARBEITSUNIFORM?
Ein hellblaues Hemd mit hellblauer Krawatte.

GAR KEIN SCHWARZER ANZUG?
Nein, den haben wir nicht. Wenn ich ein großes Begräbnis, wie etwa ein Promi-Begräbnis, organisiere, dann bin ich auch vor Ort, um den Ablauf zu kontrollieren. Da trage ich dann schon einen schwarzen Anzug.

HABEN SIE PERSÖNLICH ANGST VOR DEM TOD?
Wir halten das so: nicht darüber nachdenken... Wir wissen, wie es aussieht und funktioniert. Im Großen und Ganzen habe ich aber keine Angst vor dem Tod.

 

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