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Ich will nicht der Typ sein, der nur Witze schreibt

marschalDie Vorstellung eines Witzeschreibers ist wohl etwas schwierig. Was erwartet man sich von jemandem, der sein Geld damit verdient, lustig zu sein? Marschal wirkt ruhig, ernst und ausgeglichen. Es ist Montagmorgen, im Kaffeehaus wird es gerade wieder etwas ruhiger. Nur vereinzelt sitzen noch Menschen vor ihren Laptops, vor Marschal steht eine große Tasse Tee. Marschals Karriere begann indirekt schon in der Schule. In der vierten Klasse der HAK ist er durchgefallen, die meisten Fächer haben ihm auch keinen Spaß gemacht. Bis auf Deutsch. Nach seiner Lehrerin hat sein Freundeskreis sein Talent lustig zu sein bemerkt: "Und wenn du 16 bist und auf einmal bringst du die Mädels zum Lachen, ist das eine Motivation weiterzumachen."

Die Motivation schien auch immer der Kernfaktor zu sein. In Magazinen von Titanic zum Postillon, Rokkos Adventures, als Kabarett- und Theater Autor zu Willkommen Österreich und der Tagespresse hat Marschal seitdem überall Inhalte beigesteuert. Mittlerweile reicht der schnelle Witz aber nicht mehr. Willkommen Österreich für ihn war ein schwieriger Job, alleine den ganzen Sonntag lang Witze zu schreiben, ist sozial keine leichte Aufgabe. Vor allem sind solche Gags nur eine schnelle Befriedigung. „Das hat mir fast nie Spaß gemacht. Du schreibst irgendetwas und am nächsten Tag ist es schon wieder weg."

Die Arbeit selbst war aber nie das Problem: „Eigentlich mag ich gar keine Freizeit haben, sondern lieber arbeiten. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass der Job gar keinen Spaß macht. Außerdem bleibt man bei dem Job ein bisschen jünger. Politisch und von der Weltanschauung her. Ich fühle mich immer noch so unruhig wie mit 18 und habe diesen leichten Grundzorn auf die Welt." Trotzdem ist die Zeit des reinen Sturm und Drang vorbei: „Wenn man älter wird, merkt man, dass sich nichts von heute auf morgen verändert. Das braucht alles Zeit."

Vielleicht auch deshalb sollen seine Projekte jetzt langfristiger werden. 2013 war das Satire-Theaterstück Schwarzer Veltliner so ein Projekt. Fracking im Weinviertel und die Dorfpolitik zu diesem Thema stehen im Mittelpunkt; Marschal schrieb die Dystopie mit Elisabeth Semrad für das Viertelfestival in Niederösterreich. Heuer folgte die Tagespresse-Show im Rabenhof, die großteils positive Kritik bekam. Größere Stücke für die Bühne zu schreiben scheint also kein Problem zu sein.

Das nächste Projekt ist ein Buch, ein kompletter Genre-Wechsel. Ganz offensichtlich: „Dich im Kopf zu motivieren, ein Buch zu schreiben – was zwei Jahre dauert – ist einfach jeden Tag schwieriger. Irgendwie denkt man trotzdem, eigentlich könnte man ja irgendetwas Schnelles schreiben." Die Veröffentlichung ist Ende 2017 geplant, das Buch soll eine abgewandelte Neuauflage von Der Krieg mit den Molchen des tschechischen Autors Karel Čapek sein. Die politische Situation wird wohl auch nächstes Jahr noch dazu passen, auch wenn Marschal das Veröffentlichungsdatum noch nicht für sehr realistisch hält.

Genau mit diesem Buch soll nun endgültig der Übergang nach Willkommen Österreich abgeschlossen werden. Witze schreiben funktioniert offenbar nach mehreren Formeln, Marschal hat die meisten davon in- und auswendig im Kopf und schon ausreichend oft abgewandelt. Ab Schluss gibt es aber trotzdem eine Konklusio: „Ich will nicht nur der Typ sein, der Witze schreibt."

Verständlich, Witze schreiben ist wohl auch eine Belastung für den eigenen Kopf. Das Klischee über trinkende Kabarettisten stimmt offenbar zwar nicht unbedingt für die Autoren dahinter, doch den Kopf von der Arbeit freizubekommen ist schwierig: „Ich verstehe das Klischee von Alkoholismus bei Kabarettisten, weil es wirklich schwierig ist wieder runterzukommen, weil der Kopf sonst immer weiterdenkt."

Ob es funktioniert mit den langfristigen Projekten und Marschal so mehr Freiraum bekommt, wird sich erst zeigen. Doch seitdem er bei Willkommen Österreich aufgehört hat, ist es zumindest seine eigene Entscheidung, ob er am Wochenende arbeitet. Und den Rest scheint er auch eher entspannt zu sehen: „Ich bin schon sehr positiv eingestellt. Man muss einfach machen, da darf man sich nicht so stressen im Leben."

 

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