NOCH MEHR KULTUR

Austausch im Volkskundemuseum

20161218-IMG 7494"Tabadul" – der arabische Begriff für "Austausch". Zusätzlich auch Name eines spannenden Projekts, das im Rahmen des Center for European-Arab & Islamic-Christian Studies ("CEURABICS") am 17. und 18. Dezember in vier Wiener Museen seinen schönen Ausklang fand. 

DAS PROJEKT – ICH UND MEIN NOTIZBUCH MITTENDRINNEN
Teilnehmer des Projekts haben die Wochen davor genutzt, mithilfe eines Buddys ein Referat auf Deutsch schriftlich vorzubereiten und an jenem Dezember-Wochenende einem Publikum zu präsentieren. Das Thema des jeweiligen Vortrags war das persönliche "Lieblingsstück" aus einem der vier Museen: als Kooperationspartner boten das Dommuseum, das mumok, das Volkskundemuseum sowie das Technische Museum eine Vielfalt an Medien, Techniken oder Themen, aus denen die Teilnehmer frei wählen konnten. Im Anschluss an die Referate gab es eine offene Diskussion zu den Vorträgen sowie einen Bogen, der zu aktuellen Thematiken gespannt wurde. Etc. war im Volkskundemuseum mit von der Partie!

Die Gruppe im Volkskundemuseum setzte sich aus den vier Referenten an diesem Tag, anderen Teilnehmern des Projekts, der charmanten Moderatorin Pia Razenberger, Buddies und sonstigen Interessierten zusammen. Ich und mein Notizbuch mittendrinnen. Gleich zu Beginn fiel mir die entspannte Atmosphäre innerhalb der Gruppe auf, wenngleich ein Hauch von liebenswertem Lampenfieber der Vortragenden in der Luft lag. Und schon ging es los – wir wanderten durch die unterschiedlichen Räumlichkeiten und lauschten an den verschiedenen Stationen den bemerkenswert ausgearbeiteten Referaten.

20161218-IMG 7520DIE VORTRÄGE – EINE TIROLERSTUBE, EINE SCHÜTZENSCHEIBE, EINE GRAFIK UND EINE HOLZTRUHE
Da gab's erst einmal Omar aus Syrien, der später einmal unbedingt Informatik an der TU studieren möchte. Ein wenig nervös und schüchtern – aber mit cleverem Witz – stellte er uns die Tirolerstube (um 1700) von Johannes Hochleitner und dessen Frau Magdalena vor. Nach der Beschreibung des warmen, komplett mit Holz verkleideten Wohnraums wurde die Frage nach der tatsächlichen Funktion der Stube gestellt. Wadee, ebenso aus Syrien und ein wahnsinnig herzlicher Mensch, übersetzt in seiner Freizeit österreichische Nachrichten ins Arabische. Sein Vortrag handelte von einer mit Schusslöchern übersehenen Schützenscheibe aus dem Jahr 1826. Als wichtiges Zeugnis der Geschichte zeigt der Gegenstand an den noch "heilen" Stellen der Oberfläche eine Schlachtenszene zwischen russischen und französischen Truppen in Schallersdorf im Jahre 1805. Ismail aus dem Irak, der als Rezeptionist arbeitet und sich an diesem Tag besonders schick gemacht hat, präsentierte eine Grafik aus dem Zeitraum 1880/90, betitelt mit "Das Stufenalter des Mannes". So stellte uns Ismail dies als idealisierten Kreislauf des Lebens vor, von unserer Geburt über die Kindheit und Adoleszenz hin zu Familie und Liebe. Nach dem Höhepunkt geht es – laut Grafik – auch schnell wieder bergab, über das hohe Alter hin zum Tod. Hany aus Syrien, äußerst humorvoller pharmazeutischer Assistent, bildete den Abschluss der Vortragsrunde. Er sprach über eine Holztruhe aus dem Jahr 1580, die sogenannte Münstertaler Seitstollentruhe.

20161218-IMG 7539Anschließend an die Referate durften alle Anwesenden ihr eigenes "Stufenalter" - angelehnt an Ismails Präsentation - grafisch festhalten, um danach als Gruppe über das Thema gesellschaftliche Norm, Erwartungen an den "idealen Lebenslauf", Druck, Erfolg, "Erwachsensein", usw. diskutieren. Eigentlich wollten wir eh alle nur dasselbe im Leben: Glücklich sein und jene Dinge wieder erarbeiten, die uns irgendwann einmal – durch welchen Umstand auch immer – verloren gegangen sind.

WARUM "TABADUL"? WARUM "AUSTAUSCH"? OMAR, WADEE, ISMAIL UND HANY
Die Gründe, warum Omar, Wadee, Ismail und Hany besagte Exponate aus dem Volkskundemuseum als "Lieblingsstücke" auserkoren haben, sind simpel und gleichzeitig rührend: So gibt es bei den Vieren ein großes Interesse an alten Dingen, an der Vergangenheit und Neugierde bezüglich österreichischer Lebensweise und Volkskultur: immerhin müssen – und wollen – sich die vier Referenten in Wien und Österreich einleben. Ab und zu war jedoch auch das Stichwort "Erinnerung" bei der Auswahl der Objekte ausschlaggebend: wenn Hany sich beispielsweise an die kleine Schmucktruhe seiner Oma in Syrien erinnert fühlte, als er vor der Münstertaler Seitstollentruhe stand. Noch mehr verrieten die Vier in einem kurzen Interview, das sich eher wie eine Plauderei mit alten Freunden anfühlte. Ein kleiner Auszug:

Warum habt ihr bei „Tabadul“ mitgemacht und was habt ihr daraus für euch schöpfen können?

Wadee: "Ich finde das Projekt 'Tabadul' sehr hilfreich um Deutsch zu lernen und es zu verbessern. Es ist auch eine Chance neue Leute und Freunde zu finden… durch das Referat kann man auch viel lernen: über die österreichische Denkweise, über die österreichische Struktur, zum Beispiel über Geschichte und Kunst. Darüber, welche Werte den Österreichern wichtig sind."
Omar: "Du kannst einfach viele Leute kennenlernen, oder auch die österreichische Geschichte. Das hat mich alles sehr interessiert."
Hany: "Ich habe an diesem Projekt teilgenommen, weil ich denke, dass man durch Kunst andere kennenlernen kann. Ich habe am Volkskundemuseumtermin teilgenommen, um zu wissen, wie Menschen damals gewohnt und gelebt haben und wie man den Alltag gestaltet hat – dadurch kann man besser die Menschen verstehen. Das hilft uns, zu einem anderen Verständnis zu gelangen."

Wie geht es nach dem Projekt bei euch weiter?

Ismail: "Ich warte auf das nächste Projekt von 'CEURABICS' und suche nach Projekten bei anderen Organisationen. Ich interessiere mich für Kulturaustausch."
Wadee: "Ich möchte wieder an 'Tabadul' teilnehmen: ich fand das Referat sehr gut, ich habe dadurch viel gelernt, deswegen möchte ich noch einmal daran teilnehmen und so viele Referate wie möglich halten."
Hany: "Es ist zwar nicht mein Fach, aber der Bereich hat mir sehr gefallen. Nun möchte ich etwas Neues machen, vielleicht nicht nur Kunst und Kultur… eher im gesellschaftlichen oder sozialen Bereich. Ich hoffe auch darauf, ein Projekt im medizinischen Bereich zu finden – denn das ist eigentlich mein Fach. Man kann seine 'skills' verbessern und mit anderen austauschen, das ist sehr wichtig im Leben."
Omar: "Früher dachte ich, dass dieses Projekt langweilig sei, jetzt aber nicht mehr. Ich melde mich deswegen noch einmal an, weil mir das Projekt für die Zukunft an der Universität hilft: ich will an der Uni studieren, deswegen übe ich und halte Referate bei 'Tabadul'."

Wie wichtig ist Austausch im Leben?

Hany: "Die Bedeutung des Wortes 'Tabadul' oder 'Austausch' ist sehr wichtig, für alle Leute. Wir müssen unsere Fähigkeiten miteinander austauschen und Neues von anderen lernen.“
Ismail: "Ich finde Austausch wichtig, um Menschen kennenzulernen, Kultur braucht Austausch. Viele Leute wissen nicht, was in anderen Ländern passiert… aber ich finde, dass das sehr wichtig ist. Denn in unserer heutigen Zeit funktioniert so Informationsaustausch: sich mit anderen Kulturen und Sprachen auseinanderzusetzen, alles miteinander auszutauschen."
Wadee: "'Tabadul' ist besser als 'Integration'. Die Bundesregierung sollte diese Idee aufgreifen und damit arbeiten. Austausch ist sehr wichtig, weil beide Seiten miteinander arbeiten. 'Integration' klingt einseitig. Mit 'Tabadul', glaube ich, können wir alle zusammen so etwas wie Parallelgesellschaften vermeiden.“

Das Gespräch war für mich ein runder Abschluss des gesamten Vormittags im Volkskundemuseum, in dem aus Altem neue Diskussionsthemen geschöpft werden konnten, die durchaus gesellschaftsrelevant erscheinen. Man hätte gerne weiter diskutiert, weiter einander ausgetauscht. Irgendwie verabschiedete man sich nachdenklich in die Mittagspause. So wünschen sich Omar, Wadee, Ismail und Hany eigentlich einfach nur mehr "Miteinander" als "Gegeneinander". Ein bisschen davon haben sie immerhin schon mal bei "Tabadul" gefunden. Wir freuen uns auf zukünftige Projekte!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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