NOCH MEHR KULTUR

LOST_INN. staging grief

lostinn01LOST_Inn – ein Raum voller Dokumente, Erinnerungsstücke, Verlusterfahrungen und Trauerverarbeitung. Darin bewegen sich die BesucherInnen und AlltagsexpertInnen frei zwischen den Stationen, die auf ganz unterschiedliche Weise Zugänge zu den Thematiken der Trauer, des Tods und der Erinnerung bieten. Der Versuch, etwas zur Sprache zu bringen, das sonst so privat und verschwiegen ist, eine Öffentlichkeit für das Sterben zu schaffen, wird gewagt.

Die prominent im Raum verteilten “Empathie Apparaturen“ sind nach dem Vorbild der bereits seit dem 14. Jahrhundert bekannten Pieta Skulpturen gebaut, die durch eingeschriebene affektive Muster ein Verhältnis zwischen zwei Körpern herstellen. Diese Haltung kann das Mitleid oder Nachempfinden des Schmerzes fördern, denn sie zielt auf die Empathiefähigkeit und -erfahrung des Betrachters ab. In der Installation sind durch die sitzartigen Skulpturen Momente des Haltens und Gehalten-Werdens möglich, durch die ein körperlicher Bezug zwischen den BesucherInnen und ExpertInnen entsteht. Diese SeelsorgerInnen aus Krankenhäusern, Hospizen, Bestattungsunternehmen uvm. erzählen aus ihrer Alltags- und Arbeitswelten und ihrem dortigen Umgang mit dem Tod und Verlusten. Die Körper und Geschichten kommen dabei jedoch nie zu nah - es bleibt die apperative- maschinelle Distanz der Empathie-Apparatur, eine Möglichkeit des respektvollen Rückzugs, der Mitgefühl zulässt; durch das die Gehalten-Werdenden aus einer beobachtenden Rolle in eine teilnehmende, mitfühlende übergehen können. Die AlltagsexpertInnen warten nämlich darauf, angesprochen zu werden; die Installation ist als interaktiv konzipiert. So erzählt der durch den Raum wandernde Herwig Bichler, wie er als Jurist wegen rechtlicher Forschung dazu kam, auf Grund einiger Monopole in der Bestattungsindustrie ohne Erfahrung ein eigenes Konkurrenzunternehmen aufzumachen.

lostinn04Neben den Apparaturen finden sich, manchmal fast versteckt, Zugänge, die auf den zwei Ebenen erforscht werden können. So widmet sich der Kulturwissenschaftler Thomas Macho in einigen Audiofiles, die von der Decke hängen, der Veränderung der Trauer- und Erinnerungskultur, die er beispielsweise anhand der Variationen von Marien Darstellungen analysiert.


Videofiles, wie Ausschnitte einer Dokumentation über Paviane, die ihre toten Kinder oft tagelang mit sich tragen, oder der Kurzfilm Yuval Hameiris I Think This Is the Closest to How the Footage Looked“,der den letzten Tag mit seiner Mutter mit Alltagsgegenständen nachspielt, da er das Filmmaterial nie gesehen hat, tragen zur Reflexionen der Trauer und Bildpraktiken bei. Das Video “Mein Kleines Kind” der Filmemacherin und Hebamme Katja Baumgarten, der nahe gelegt wurde ihr Kind, das wohl nach der Geburt nicht lange leben werde, abzutreiben, konnte von bis zu drei Personen in einem abgeschirmten Raum angesehen werden und ließ damit ein privateres Nachdenken über Prekarität zu.

lostinn03Besonders berührend ist auch eine Übertragung des Computerspiel “That Dragon, Cancer”, das die SpielerInnen durch eine Welt des Halbbewussten führt: Amy und Ryan Green arbeiteten damit nämlich den Tod ihres Sohns auf künstlerisch poetische Weise auf. Das Spiel konnte auf einem beistehenden Computer gespielt werden.

Alles überblickend hängt von der Decke ein Quilt: Friedl Nussbaumer, Graphik-Designer und Gründer des „Names Project Wien – der österreichische AIDS-Memorial-Quilt“ erklärt: Hierbei handelt es sich um Grabtücher, welche Hinterbliebene für ihre Lebenspartner, die an AIDS verstarben, genäht haben. Darauf findet man persönliche Botschaften: Die gemeinsame Katze, der Lieblingsbademantel, die Masche, die immer getragen wurde. So leben die Verstorbenen in Form eines kleinen Stück Stoffs in der Erinnerung weiter. Auch das Tuch seines Lebensgefährten befindet sich darunter.

lostinn05Der Ausstellungsraum ist ausgekleidet mit Toni Finks Bildern, neben denen die Aufschrift “Bitte gerne berühren“ zu lesen ist, es sind schwarze Bilder voller Struktur, Öl und Acryl auf Leinwand.

Ebenso feinfühlig und konzipiert zeigt sich die Installation: Sie gibt die Möglichkeit Themen wie Tod und Trauer zu begegnen, anzufassen und den Schmerz anderer Menschen auf eine Weise nachzuvollziehen, die trotzdem eine respektvolle Distanz wahrt. Man ist angeregt, mitzufühlen, sich jedoch nicht in der Emotion zu verlieren. Das Brut zeigt damit ein sehr gelungenes Experiment, das neue wissenschaftlich- künstlerische Räume eröffnet.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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