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Dialog im Dunkeln

dialogIm ersten Bezirk, mit der stilvollen Adresse an der Freyung 6, befindet sich "Dialog im Dunkeln", eine Begegnungsstätte für all jene, die sich auf etwas Neues einlassen und erfahren möchten, wie es unseren blinden Mitmenschen im Alltag geht. Im Hof angekommen, geht es noch ein paar Treppen hinab und schon ist man in den Gewölben des Mitmach-Museums angelangt. Bei unserem Besuch lief sogleich ein Blindenhund munter umher, während sein Herrchen offenbar gerade eine Tour anbot. Es ist zu empfehlen, vorab telefonisch zu reservieren. Da die Gruppen recht klein gehalten werden und sich maximal acht Personen zeitgleich auf dem Blindenparcours befinden. Erwachsene zahlen 18€, Studenten, Lehrlinge und Senioren nur 15,50€.

Vorweg gibt es eine kleine Einweisung: Wir üben einmal kurz, wie man mit dem Blindenstock richtig umgeht - ohne ihn seinem Vordermann in die Fersen zu rammen oder gar ein Bein zu stellen. Nachdem noch einmal gecheckt wurde, ob wirklich alles Leuchtende, wie Handys, Uhren etc. abgelegt sind, geht es langsam im Gänsemarsch hintereinander in die Finsternis. An diese gewöhnt sich das Auge allmählich, da wir uns mehrere Kurven und Ecken entlang tasten müssen, ehe das Licht völlig von der Netzhaut weicht.

dialogimdunkelnIm Dunkeln werden wir von Ossi empfangen, der Stimme nach zu urteilen einem sehr netten Herren. Mit ihm gemeinsam werden wir in die Welt des Fühlens und Hörens hinein gesogen. Auch wenn man immer wieder erwartet, irgendetwas, auch nur den Hauch eines Lichtes zu sehen, so bleibt es doch völlig finster und das Einzige, was munter vor den Augen umher tanzt, sind viele kleine bunte Farbpunkte, welche unsere Netzhaut produziert, da sie ansonsten nichts zu tun hat. Ossi versichert uns, dass diese Punkte weggehen, wenn wir ein paar Stunden hier unten bleiben würden. So lange war unsere Tour aber nicht angedacht und daher üben wir uns sogleich in der ersten Alltagssituation. Wir gelangen in einen Park. Einige aus unserer Gruppe entdecken eine Bank und setzen sich erstmal. Wir anderen bleiben stehen und lauschen so den Vögeln und dem Wasserrauschen. Es ist herrlich entspannend, einfach da zu stehen, egal ob Augen zu oder offen, Kopf gesenkt oder nach hinten gelegt, niemanden interessiert es, niemand sieht es. Doch allzu lange währt die Idylle nicht, denn Ossi spornt uns an die Brücke zu finden, mittels welcher wir den Fluss überqueren sollen. Das größte Hindernis ist dabei jedoch nicht, wie erwartet, die Brücke zu finden, sondern sich in die Schlange einzureihen, welche sich beim Überqueren der Brücke bildet.

Wenn man eine Sache hier unten lernt, dann alles mit Ruhe und Bedacht zu tun. Man muss sich Zeit nehmen, vorfühlen was auf einen zu kommt. Sei es nun der Handlauf einer Brücke oder ein Bordstein, welcher sich im Dunkeln gleich dreimal so hoch anfühlt, als er in Wirklichkeit sicherlich ist.

Oft leitet Ossi uns mit seiner Stimme und dirigiert mit einer Seelenruhe alle nach und nach zu sich. Beeindruckend ist sein Vermögen den Überblick über seine Schäfchen zu behalten, er weiß ganz genau wann noch jemand fehlt und teilweise sogar wer, während ich nicht mal weiß, wer sich gerade neben mir befindet und ob ich in einer Reihe oder irgendwo als Schlusslicht unterwegs bin. Nachdem wir auch noch eine Straße überquert und ein Geschäft besucht haben, geht es plötzlich weiter nach Afrika und auch eine Bootstour steht auf dem Plan. Es ist eine bunte und gelungene Mischung und ein interessantes Gefühl, sich völlig auf jemand anderen zu verlassen. Doch es ist auch klar, wir sind in einem geschützten Rahmen, wo alles vorgegeben ist und es keine plötzlichen Gefahren gibt.

Ossi berichtet am Ende bei einem Drink an der Dunkel-Bar, dass es in letzter Zeit häufiger passiert, dass Menschen in ihn auf offener Straße hinein rennen, da sie wohl so vertieft in ihr Handy sind, dass sie auf ihre Umwelt nicht mehr achten. Wir unterhalten uns noch eine Weile, doch dann müssen auch wir wieder ans Tageslicht zurück, denn die nächste Gruppe wartet bereits mit Blindenstock ausgestattet auf ihr Abenteuer und ihren Dialog im Dunkeln.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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