NOCH MEHR KULTUR

Oravin - Poesie der Nacht

oravin01Ein Mittwoch Abend im März - die Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Elevate Festivals im Grazer Dom im Berg. Das Programm wird vorgestellt und erläutert, beinahe will man schon kurz und verhalten gähnen, als ein Bild über die riesige Leinwand hinter der Bühne blitzt. Ein Flimmern, ein ohrenbetäubender Beat, ein Hämmern im Gehörgang. Wir sind wieder munter. Auf der Bühne werkt Oravin. Er ist einer der Artists, der den Abend kraft seiner Liveperfomance mit künstlerischen Inhalten spickt. Die Bilder, die er auf die Leinwand projiziert, hypnotisieren, seine verzerrte Stimme spricht Worte, die Landschaften im Kopf lostreten. Das alles wird unterlegt von einem rhythmischen Beat, der die mystisch-ekstatische Stimmung verstärkt. Was hier im Grazer Bergstollen passiert, ist schwer in sprachlich anschauliche Form zu gießen. Text, Bild und Klang vereinen sich zu einem Sinneseindruck, der jenseits der herkömmlichen Genres und Klassifizierungen angesiedelt ist. Aber wie dürfen wir es nennen, müssten wir Oravins Kunstform beschreiben? Dichtung? Musik? Zum besseren Verständnis haben wir Oravin zu einem Interview ins Café Jelinek gebeten.

VON DER PRÄFERENZ, IN CLUBS AUFZUTRETEN
Dort erfahren wir, dass sich Oravin bereits früh mit dem geschriebenen Wort befasste. (Nach dem unveröffentlichten Romanmanuskript des Siebenjährigen trauen wir uns allerdings nicht zu fragen.) Oravin erzählt von dem Zufall, der ihn dazu veranlasste, sein Schreiben mit anderen medialen Formen zu verbinden. Eines Tages greift er zu einem Aufnahmegerät, zeichnet Naturgeräusche auf und spricht Texte ein. Die Geburt einer Idee. Auch der Film ist für Oravin vertrautes Territorium. Als Assistent verschiedener Videokünstler in Berlin macht er sich über einige Jahre hinweg mit der Materie vertraut - bis er schließlich Text, Klang und Bild zu dem verbindet, was seine Perfomances heute so charakteristisch und besonders machen.

Die Vereinigung dieser drei Sparten hat nichts Konstruiertes an sich, sondern ist Entwicklung eines (glücklichen) Zufalls. "Bei meiner ersten Perfomance in Finnland gewann die Hinzunahme des Films noch einmal an Bedeutung. Da das Publikum ja größtenteils nicht deutschsprachig war, dachte ich mir, es wäre eine gute Ergänzung. Seitdem fühlt es sich für mich völlig natürlich an, diese drei Dinge miteinander zu verbinden". Den Reiz und das Potenzial dieser gewählten Intermedialität sieht Oravin in der Art der Erfahrung, die seine Performance bei den Zusehenden auslöst. "Durch diese Verbindung entsteht eine andere Form der Aufmerksamkeit beim Publikum, es handelt sich beinahe um ein Phänomen der Einhämmerung, erzeugt durch den Beat und die Visuals. Zudem ermöglicht mir diese Art der Perfomance, mich auch außerhalb des Literaturbetriebes zu bewegen. Ich mag es, in Clubs aufzutreten, da hier oftmals bessere technische Bedingungen herrschen als bei Lesungen".

KÖRPER, STEIN UND LICHT
Oravins Texte entwickeln sich meist parallel zur Musik und zu den Visuals. Manchmal beginnt alles mit einem Sound, der dann ein Bild und eine Textidee evoziert, die Reihenfolge kann jedoch auch umgekehrt sein. Ein Patentrezept der Produktion gibt es nicht. Wiederkehrende Motive und Themen finden sich vor allem in den Sujets des Körpers, Beschreibungen von nordischen Landschaften (Oravin hat einige Zeit in Finnland verbracht), Lichteindrücken, Szenen erotischer Bilder und Beziehungsmetaphern. Seine Worte erzeugen eine atmosphärische, stellenweise mystisch-düstere Stimmung, die von der Musik und den Bildern teils unterstützt, teils gebrochen wird. Viele von Oravins Texten fanden durch ihre Übersetzung und Bearbeitung auch Eingang in andere Sprachen, wie Finnisch, Portugiesisch und zuletzt Ungarisch. "Bei einem Übersetzungsworkshop in Ungarn habe ich mit einer Künstlerin zusammengearbeitet, die meine Texte ins Ungarische übersetzt hat. Interessant dabei war, dass viele Bilder, die im Deutschen subtil funktionieren, Beschreibungen von Naturlandschaften beispielsweise, im Ungarischen beinahe vulgär und unpassend klangen. Das war unglaublich spannend. Die Übersetzungsarbeit birgt großes Potenzial für die eigene Textproduktion, es ist beinahe wie ein sehr gründliches Lektorat, bei dem alles noch einmal sehr genau besprochen wird".

Derzeit verbringt Oravin seine Tage (und Nächte) im Studio und stellt einige Aufnahmen fertig. Ab Mai wird es ihn dann im Zuge der Lesereise des Jenny-Magazins in diverse österreichische und deutsche Städte verschlagen. Eine Empfehlung!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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