NOCH MEHR KULTUR

Ein Besuch im DÖW

1981 singt Georg Danzer vom alten Wessely, der im Wirtshaus die besten Judenwitze erzählt und verkündet: "Unterm Hitler wars scho guat." Herr Wessely ist mir in meinem jungen Leben, 72 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus bereits oft und in vielerlei Gestalt begegnet. Was in den eigenen Kreisen als unerdenklich erscheint, schleicht nach wie vor wie ein Phantom durch die Gesellschaft. Wiederbetätigung, ein "Akademikerball", Übergriffe der Identitären Bewegung, Schmierereien in öffentlichen Toiletten. Georg Danzers Lied hat gute 30 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt. "Gratuliere, Herr Wessely, kana hot die Jugend so versaut wie Sie." Und dann das Gitarrensolo.

döw01BEOBACHTUNG DER EXTREMEN RECHTEN
Wer ob all dieser Umstände allzu betrübt ist, sollte dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in der Wipplingerstraße einen Besuch abstatten. Vor vielen Jahren bildete sich das DÖW zu einer Instanz der Vermittlung und der Wissensweitergabe über die Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich. Gegründet von ehemaligen Leuten aus dem Widerstand, beinhaltet das DÖW ein Archiv, sowie Personendatenbaken zu Shoah- und Gestapo-Opfern. Die Schwerpunkte nach der Gründung waren vordergründig Widerstand und Verfolgung, heute betreibt das Archiv auch aufklärerische Arbeit über neue rechte Bewegungen und untersucht strukturell ähnliche Phänomene der Radikalisierung, wie beispielsweise den Dschihadismus. Das DÖW leistet somit einen unerlässlichen Teil an historischer Bildungsarbeit, um aus Gewesenem für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Es soll aufgezeigt werden, wie schnell Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durch destabilisierende Dynamiken gefährdet werden können.

Andreas Peham, seit 1996 Mitarbeiter des DÖW, sowie österreichischer Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher bot einen spannenden Einblick in seine Arbeit und Forschung.

döw02EUROPÄISCHER NATIONALISMUS, EIN PARADOX?
Rechte Bewegungen sind ein europaweit florierendes Phänomen. Die Identitäre Bewegung beispielsweise, gegründet in Frankreich unter dem Namen Génération Identitaire, hat ihre Fühler weitgreifend auf andere europäische Staaten ausgestreckt. Sie alle eint die Ideologie des Ethnopluralismus. Doch anstelle einer biologischen Einheitlichkeit propagieren die Identitären die Idee einer Volksgemeinschaft, welche die kulturelle 'Reinhaltung' der Gesellschaft anstrebt. Verfolgt wird im Grunde eine Art Rassismus ohne Rassen, eine Wahrung der geschlossenen europäischen Kultur, die es vor Eindringlingen (vordergründig dem Islam) zu schützen gilt. Kultur statt Rasse, sozusagen. Diese Bewegungen streben demnach durchwegs eine europäische Einheit an - nur ist es eine völlig andere Einheit, als sie von der Europäischen Union gelebt wird. Sie beruht auf xenophobem Gedankengut, sowie rechtsextremen Ideologien, so Andreas Peham.

MODERNISIERUNG DES RECHTSEXTREMISMUS
Erschreckend ist jedoch, dass uns das Böse hier keinesfalls als banal begegnet. Die Identitären verstehen es, sich linker Codes und Sprachen zu bedienen, ihr Webauftritt und ihre mediale Präsenz passieren auf professionellem Niveau, das Bierglas wird gegen hippe Logos und Slogans getauscht. "Gekommen um zu bleiben", prangt von einem ihrer Plakate. Nicht einmal Wir sind Helden sind vor der symbolischen Enteignung gefeit.

"Die Aneignung und Inbesitznahme ursprünglich linker Codes ist die Innovation dieser Generation rechter Bewegungen", erklärt Andreas Peham. "Still not loving racism" wird beispielsweise zu einem "still not loving Antifa" umfunktioniert. Eine wichtige Aufgabe des DÖW besteht demnach auch in der Sichtung der Präsenz rechter Bewegungen in sozialen Medien, diverser Publikationen und Zeitungsartikel. Die Ergebnisse werden stetig auf der Homepage des DÖW gepostet. (Rubrik: "Neues von ganz rechts"). Seit den Achtziger Jahren ist jede in den Medien auffindbare Äußerung rechtsextremen Charakters hier dokumentiert.

Wem das DÖW bisher noch kein Begriff war, der_dem sei ein Besuch also dringend ans Herz gelegt. Zur Not kann man sich aber auch einfach der Melonären Bewegung anschließen. Widerstand anhand von Satire ist natürlich auch immer elegant.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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