NOCH MEHR KULTUR

Was bleibt? Die Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Was bleibt? Diese Frage wirkt omnipräsent in der Ausstellung "Kauft bei Juden" im Jüdischen Museum, die man bis 17. November in der Dorotheergasse bestaunen kann. Von Luxus-Stücken und Plastiksackerln bis zur Schildkröte finden sich verschiedenste Objekte, die dem Besucher die aufstrebende Zeit der jüdischen Kaufhäuser in Wien ab dem 19. Jahrhundert darbietet, sich bis über die dunklen Zeiten des Nationalsozialismus erstreckt und schlussendlich in der Gegenwart Halt macht.

kbj01

Wenn man durch die Ausstellung geht und sich die vielen (teilweise bis auf Wandfläche vergrößerten) Fotos sowie Video-Mitschnitte Wiens um die Jahrhundertwende bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ansieht, dann fühlt man sich der jeweiligen Zeit auf intensive Weise nahe. Einerseits wird dem Besucher der luxuriöse Kaufrausch durch die Wiener Innenstadt beim Modehaus Zwieback oder der entspannte Bummel im pompösen Ambiente des Gerngross auf der Mariahilfer Straße nähergebracht, andererseits werden einem die antisemitischen Schreckensszenen und die Zerstörungswelle, die sich prompt mit dem sogenannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland einstellten, vor Augen geführt.

Zu Beginn der Ausstellung stellt sich aber zunächst die Frage: Was ist das Jüdische an einem Geschäft? Was hat so prominente Häuser wie Neumann, Jacob Rohtberger, Braun & Co., Knize, Gerngross und Zwieback miteinander verbunden außer einer erfolgreichen unternehmerischen Karriere? Vordergründig gar nichts, denn alle Häuser hatten verschiedene Geschäftsstrategien und Herkunftsgeschichten, jeder verfolgte eigene Ziele und Pläne. Erst der moderne Antisemitismus hat sie alle auf eine Stufe gestellt und ihren geschäftlichen Erfolg als (vor allem für Damen) verführerisch und gierig ausgelegt.

Der rote Faden der Ausstellung zieht sich über drei Erzählstränge: Der Bogen spannt sich von den jüdischen Warenhäusern und den Hoflieferanten bis zum Textilviertel – oder Schmattesviertel ("Schmattes" ist der jüdische Ausdruck für Fetzen) – im ersten Wiener Gemeindebezirk, das nach 1945 ein essenzieller Ort des Wiederaufbaus der Wiener jüdischen Gemeinde war.

Auf einem Google-Maps-Touchsreen kann man selbst auf virtueller Ebene der Frage nach dem "Was bleibt?" nachgehen und recherchieren, was von den ehemaligen jüdischen Unternehmen heute noch in der Stadt Wien zu finden ist. Auf der Mariahilfer Straße sichtet man kaum noch Spuren des einstigen florierenden jüdischen Unternehmertums, auf der Kärntner Straße erinnert im Casino Wien noch die originale Architektur des Hauses an ehemalige k.u.k. Hoflieferanten und auch das Looshaus als Sitz des ehemaligen exklusiven Herrenausstatters Goldman & Salatsch gilt heute noch als eines der berühmtesten und zentralen Bauwerke der Wiener Moderne. Diese Beispiele sind jedoch Ausnahmen in der Geschichte der jüdischen Geschäftskultur, die nach der Schoah fast völlig verschwunden ist.

kbj02Umso erstaunlicher ist es, so besondere Ausstellungsstücke wie eine alte Registrierkassa des Kaufhauses Gerngross vorzufinden sowie eine Damenspende inklusive Spiegel, Tanzkarte und kleinem Bleistift, die den weiblichen Angestellten im Zuge einer Ball-Einladung geschenkt wurde. Denn die Zufriedenheit der Arbeiter hatte für viele jüdische Warenhäuser Priorität, da der Zusammenhang mit geschäftlichen Erfolgen schon am Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt und zu einem wichtigen Teil der Geschäftskultur wurde. Zudem kann man auch modische Schmankerl wie einen handgewebten Damenmantel sowie elegante Pumps aus der Maison Zwieback aus den 1930er Jahren bestaunen.

Für den Epilog der Ausstellung hat Kathi Hofer eine Hommage an das Objekt der Damenspende kreiert. Die Künstlerin hat sich mit den einzelnen Bestandteilen dieser Geste für die weibliche Arbeiterschaft auseinandergesetzt und diese auf spannende Art wieder zusammengeführt, um neue Perspektiven auch im Bezug auf die Emanzipation der Frau zu schaffen. Dies stellte eine anregende künstlerische Abrundung dieser durch und durch gelungenen und wichtigen Ausstellung dar, nach der man mit anderen Augen durch bestimmte Winkel Wiens gehen wird.

 

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top