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Der Wohnung geht es gut

freuds02Sigmund Freuds Praxis in der Berggasse 19: PatientInnen, "die Couch" und die Theorie des Unbewussten. Doch nicht nur Meilensteine der Psychoanalyse haben das gründerzeitliche Zinshaus geprägt, sondern ebenso ein wohl recht reges Familienleben. Vom Einzug 1891 bis zur Flucht nach London 1938 beherbergte es die privaten Wohnräume Sigmunds, dessen Frau Martha, der sechs Kinder und der Schwägerin Minna; ab Mitte der Zwanziger durften sogar die Familienhunde dazu. Wohnstruktur um 1900 und familiäres Miteinander (und Durcheinander) gehen hier Hand in Hand, in den Raum gestellt wird jedoch auch das bunte Treiben von außerhalb, das im Hause Freud tagtäglich seine Bühne geboten bekam.

"Der Wohnung geht es gut" zeigt dem aufmerksamen Auge zunächst den Hang zu Ästhetik der Familie Freud. Das Interieur ist piekfein, viele Möbel aus direkter Hand Wiener Designer. Interessant ist die Tatsache, dass die Familie, obwohl doch von "Modernität" und Weltoffenheit geprägt, in Sachen Ausstattung scheinbar eher vergangenen Zeiten nachhing, als sich von ästhetischen Umbrüchen um die Jahrhundertwende prägen zu lassen. Bevor einem das Eintauchen in "Familieng'schichtln" ermöglicht wird, versucht die Ausstellung erst einmal zu kontextualisieren: Das Thema der allgemeinen Wohnstandards in Wien rückt in den Mittelpunkt, genannt wird dabei der IX. Internationale Wohnkongress 1910, bei welchem Wohnungsnot, (mangelnde) sanitäre Ausstattung und rasch ansteigende Mitpreise neu erbauter Häuser öffentlich diskutiert wurde.

freuds0101Ja, und dann? Dann wühlt man sich durch die Biografien jeder/s einzelnen Freuds, spaziert in einem fremden Wohnzimmer heimelig an Briefwechseln der Familienmitglieder untereinander vorbei, bleibt an der ein oder anderen schönen Handschrift hängen, liest von Umzügen, Umbauten und immer wieder erneuter Raumzuordnung der Mietwohnung in der Berggasse. Was hier jedoch eigentlich auf subtile und deshalb sehr entzückende Weise aufgezeigt wird: der Alltag, das Familiengefüge und die damit zusammenhängenden sozialen Umgangsformen innerhalb der Freud'schen vier Wände. Gleichsam erinnern Zitate aus theoretischen Texten und allerlei wissenschaftliche Dokumente immer wieder daran, dass innerhalb des Privaten viel Platz gemacht werden musste für die Psychoanalyse und das Werken in der Praxis nebenan. Wie unvermeidlich die Überschneidungen zwischen "Wohnen" und "Arbeit" waren, zeigt in der Ausstellung vor Allem die Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und dem Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ, geprägt von stets fachlichem Austausch, jedoch ordentlich vermengt mit ausschweifenden Erzählungen aus dem privaten Familienleben. Nach der Geburt des fünften Kindes Sophie 1893 verbrachte Sigmund die Nächte im "Bibliothekszimmer" – jener Ort, an dem er erstmals mit dem Aufzeichnen seiner Träume begann. Selbstanalyse und Grundstein für die "Traumdeutung" in der hauseigenen Bibliothek? Wahrscheinlich.

Aber auch Tochter Anna eröffnete in der Berggasse eine eigene psychoanalytische Praxis, wahrscheinlich 1923, in den ehemaligen Kinderzimmern der Brüder Martin, Oliver und Ernst. Bereits zuvor arbeitete sie dort mit Kindern und Jugendlichen, hielt "Lektionen" ab, beispielsweise an Arthur Schnitzlers Tochter Lili gerichtet. Die Arbeitsweise Anna Freuds, letztendlich zu ihrem Werk "Das Ich und die Abwehrmechanismen" führend, werden durch Briefwechsel mit Lou Andreas-Salomé und Max Eitington dokumentiert.

Die Ausstellung schneidet vieles an, lässt vieles offen, bettet jedoch sämtliche Thematiken gekonnt in den Mikrokosmos "Wohnen" ein. Am eindrucksvollsten ist dabei letztendlich das Aufzeigen der spannenden Verwobenheit von Öffentlichem und Privatem, das Wechselspiel zwischen Wohn- und Arbeitsraum. Ein Wechselspiel, welches offensichtlich als erheblicher Beitrag zur Entwicklung der Wiener Psychoanalyse Anna und Sigmund Freuds betrachtet werden kann.

 


„Der Wohnung geht es gut“. Die Freuds in der Berggasse 19
Freud Museum, täglich geöffnet (10-18 Uhr).

 

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