NOCH MEHR KULTUR

Wer nicht will, der wird Kunst nicht verstehen

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Akzeptieren wir Jean-Paul Sartrés Prämisse, der Mensch könne als einziges Wesen einen Bezug zum Noch-Nicht und Nicht-Mehr haben und darausfolgernd die Konklusion, dass unserer Existenz eine Verantwortung zur Freiheit und damit auch zur Essenz unserer Existenz aufgedrängt wird, stehen wir vor einem Problem mit uns selbst, einem oszillierenden Konflikt zwischen dem Sein auf der einen und dem Nichts auf der anderen Seite.1

Um nicht dem absoluten Zwang zu folgen, dass jeder Existenz eine Essenz folgen müsse, beschrieb Albert Camus mithilfe seiner "Philosophie des Absurden" die Idee einer Welt, der jeglicher Sinn nicht nur fehlt, sondern, dass wir uns jener Sinnlosigkeit bewusst sein sollten. Das Akzeptieren des Absurden, der erlebten Sinnfreiheit unserer Existenz, stelle die einzige Lösung dar, ohne in Resignation zu verfallen. Als Möglichkeiten eskapistischer Ideen nennt er zum einen die Flucht vor der Existenz (beispielsweise Selbstmord), zum anderen die Flucht vor der Realität (spiritueller, religiöser oder abstrakter Glauben an eine transzendente Idee). Doch steht es eben jedem frei, einen subjektiven Sinn, eine Essenz der Existenz, zu suchen und zu finden, um damit auf der einen Seite die größte Freiheit im engen Korsett unseres begrenzten Daseins zu haben und auf der anderen Seite die allgegenwärtige Ohnmacht angesichts unserer Möglichkeiten zu bekämpfen.²

Jedoch streben wir Menschen durch das Erleben von Ohnmacht danach, Antworten auf Fragen zu finden, um somit diesem Gefühl zu entgehen. Steht nun ein Mensch vor einem Kunstwerk, welches in seiner Wahrnehmung Fragen aufwirft, möchte er sie grundsätzlich beantwortet wissen.

Diese Erkenntnis im Hinterkopf behaltend, stellen wir uns nun folgendes Gedankenbild vor: Zwei Männer stehen vor einem Gemälde, welches lediglich eine leere Leinwand zeigt. Der eine Mann sieht darin nichts. Der andere Herr jedoch erinnert sich daran, wie er einige Tage zuvor mit seiner Freundin die ehemals weißen Wände ihrer neuen Wohnung gestrichen hat. Ersterer Mann wird mit dem Nichts konfrontiert und verfällt eben in Resignation. Zweiterer bildet seinen Bezug zum Nicht-Mehr und erinnert sich an das vor kurzem stattgefundene Wändestreichen mit seiner Partnerin. Dieses wahrhaftig simple Beispiel verdeutlicht nichtsdestotrotz, dass die Interpretationsmöglichkeiten bei einem Selbst liegen und nicht in einer objektiven Instanz gesucht werden sollten. Wer somit Kunst nicht verstehen will, wird sie nicht verstehen. Und wer die Erfahrung, das Erlebnis, die Konfrontation mit solchen Kunstwerken scheut, der nimmt sich selbst die Möglichkeit zur Entwicklung und Reflektion.

Denn Kunst nicht zu erleben, ist alleine dadurch eine Unmöglichkeit, dass man durch das Nicht-Zulassen der Konfrontation, bereits eine Haltung und damit eine Essenz dem Kunstwerk zuweist. Das Werk und der Betrachter haben damit bereits eine Art des Kommunikationsaktes durchgeführt. Demnach müsste man keinerlei Kunst mehr rezipieren, um erst gar nicht in diesen Prozess der Kommunikation hineinzugelangen. Doch wer sich entscheidet, Kunst aufzunehmen, der sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein und sich der Konfrontation mit für ihn unangenehmer Kunst stellen, denn ansonsten übt er nichts Anderes aus als den bereits erwähnten Eskapismus. Und damit flieht man letztendlich nicht nur vor dem Kunstwerk, sondern auch vor den Fragen, die einen beschäftigen; vor der Ohnmacht, die einen ergreift und zuletzt auch vor sich selbst und dem wichtigen Prozess der Essenzfindung.


1 Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Reinbek rororo, 1993, Seite 325
2 Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos, Rowohlt, Reinbek, 2000

 

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