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Zur Reinheit der analogen Fotografie

fotografie01In letzter Zeit nahm ich aus den verschiedensten Gesprächen mit Studenten, Künstlern und auch jungen Fotografen wahr, dass die analoge Fotografie eine wahrere Abbildung unserer Realität zeige. Meistens fielen in den Gesprächen Begriffe wie Atmosphäre, Aura, Wahrheit oder Reinheit. Man muss sich jedoch zuerst fragen, was unsere bildliche Realität ausmacht und ob sie nicht einem Prozess der stetigen Veränderung unterliegt? Beeinflusst die digitale Fotografie und unsere digitale Umwelt nicht aktiv unser Realitätsempfinden? Die bildliche Realität können wir als unsere visuell-wahrnehmbare Umwelt bestimmen. Wenn wir nun ein Foto (ein Rohfoto, ohne Bearbeitungen jeglicher Art) betrachten, kann man meistens schnell auf die abgebildete Umgebung schließen, es ist leicht, sich diese Realität – die visuell-dargestellte Umwelt – vorzustellen. Damit bildet die Kamera die Realität ab, wie sie von dem Fotograf in Szene gesetzt wurde. Der technische Prozess der Kamera filtert keinerlei Objekte, sie nimmt die Realität auf, wie sie vor der Linse in dem jeweiligen Moment des Abdrückens existiert hat. Dabei ist es natürlich gleichgültig, ob die Kamera analoger oder digitaler Natur ist. Die Verantwortung, wie ein Bild komponiert ist, liegt also alleine beim Fotografen.1

Das menschliche Auge (des Fotografen und des Betrachters) filtert und selektiert nämlich in seiner Wahrnehmung der Realität. Alleine deswegen, weil man immer einen räumlichen Rahmen – einen Bildausschnitt – wählt und bildet. In diesem Verfahren der Selektion kann also kein Unterschied gemacht werden; analoge und digitale Fotos werden gleichartig von unseren Augen aufgenommen und dem Gehirn verarbeitet. Ähnlich formuliert es Susan Sontag, die den Realismus nicht als Wiedergabe dessen, was wirklich ist, bestimmt, sondern als das, was wir als wirklich annehmen.² Als Resultat dieses Umstandes kann es bei Fotografien aufgrund ihrer Zweidimensionalität zu einer Illusion (Sinnestäuschung) kommen, wenn dreidimensionale Objekte durch die selektierte Perspektive in divergenter Form zu ihrem tatsächlichen Vorhandensein erscheinen. Dem Medium der Fotografie a priori einen realistischen Anspruch zuzuweisen, ist demnach unsinnig.

Weiterhin stellt eine Fotografie nicht nur das Hier-sein eines Objektes dar, sondern verdeutlicht zudem das Hier-gewesen-sein des Abgebildeten und greift damit die von Roland Barthes beschriebene Bedeutung der Zeit auf.³ So fungieren Fotografien als eine Art Dokumentationen vergangener Realitäten. Doch eben durch das Einfangen eines vergangenen Momentes vermischen sich die Eindrücke der Vergangenheit und Gegenwart und führen so zu einer veränderten Wahrnehmung des Jetzigen und der Realität.4 Der analogische Charakter von Fotografien birgt das Risiko dafür, dass das Medium selbst übersehen wird, nämlich als Abbildungsprozess des Wirklichen, als Anfertigen einer Kopie, einer Spur zum ehemals Tatsächlichen, ohne jemals das Wirkliche sein zu können.5 Doch wäre es zugegebenermaßen sehr schlampig lediglich den Moment dieses Abbildens als den vollständigen, fotografischen Akt aufzufassen. Zum fotografischen Akt gehört nicht weniger die Rezeption der Fotografie und dazu das Wahrnehmen der Realität durch den Fotografen, noch bevor dieser das Bild produziert. Damit hängt das Wahrnehmen, das Verarbeiten und das Interpretieren nicht nur vom Fotografen, sondern wie auch in meinem letzten Text thematisiert, vom Betrachter ab. Anstatt mit solchen Begriffen wie jenem der Reinheit die Technizität, nicht bloß die Technik, des Mediums zu revalvieren und sich größerer Möglichkeiten zu entziehen, sollten wir uns darauf besinnen, was uns voranbringen kann: Unsere Fähigkeit zur Kreativität und Reflexivität. Egal, ob wir analoge oder digitale Fotos machen, müssen wir das Medium selbst ästhetisch und technisch reflektieren, um subjektiv "bessere" Kunstwerke zu erschaffen.


1 Roland Barthes: Über Fotografie - Interview mit Angelo Schwarz (1977) und Guy Mandery (1979) in Paradigma Fotografie, Suhrkamp Verlag, 2002
2 Susan Sontag: Über Fotografie, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, S. 116
3 Roland Barthes: Die Helle Kammer. Bemerkung zur Photographie, Suhrkamp Verlag, 1989, S. 99
Roland Barthes: Die Fotografie als Botschaft in Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, Suhrkamp Verlag, 1990
5 Siegfried Kracauer: Die Photographie, in Das Ornament der Masse: Essays, Suhrkamp Verlag, 1994
 

 

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