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Ein Bild des Hasses

worldpressphoto01So hitzig haben die Mitglieder der World Press Photo Jury noch selten diskutiert. 18 Fotojournalisten, Museumsleiter und Experten aus aller Welt krönen jährlich die besten Fotos aus den Sparten Politik, Gesellschaft, Sport und Natur. Dieses Jahr aber sind sie sich lange uneinig, denn mehr als je zuvor geht es um den heiklen Balance-Akt zwischen Dokumentation und Voyeurismus.

Objekt der Debatte ist das Foto des türkischen Associated Press Fotografen Burhan Ozbilici, publiziert auf den Titelseiten aller großen Zeitungen der Welt. Es zeigt den 22-jährigen Polizeibeamten Mevlüt Mert Altintaş in Siegerpose, die linke Hand zur Faust geballt und gen Himmel gestreckt, in der rechten die noch gezogene Waffe. Hinter ihm auf dem Boden liegt der leblose Körper des russischen Botschafters in der Türkei, Andrei Karlow, den er soeben ermordet hat. Tatort ist ein Museum am Abend der Eröffnung einer Fotoausstellung am 19. Dezember 2016.

"Es war eine sehr, sehr schwierige Entscheidung," erzählt die amerikanische Fotojournalisten Mary F. Calvert, "aber schließlich war die Mehrheit der Auswahlkommission von der Explosivität des Bildes überzeugt." João Silva, portugiesisch-südafrikanischer Fotograf für die New York Times, bringt es auf den Punkt: "Im Moment sehe ich die Welt auf einen Abgrund zumarschieren. [F]ür mich spricht dieses Bild [für die aktuellen Konflikte auf der Welt]. Es ist ein Abbild des Hasses."

Seit ihrer Gründung im Jahr 1955 durch eine Gruppe niederländischer Fotografen hat sich die World Press Photo Foundation das Ziel gesetzt, großartige visuelle Berichterstattung zu präsentieren und zu prämieren, jedoch ohne dabei Sensationslust und Voyeurismus zu befeuern. Dies macht die Verleihung eines der weltweit angesehensten Preise für Fotojournalismus zu einer essenziellen wie herausfordernden Aufgabe.

Auch die BesucherInnen der Ausstellung stehen vor einem Dilemma, und gerade die Betrachtung von Ozbilicis Foto bietet eine einmalige Möglichkeit zur Selbstreflektion. Unwillkürlich empfindet man Faszination beim Blick in das hassverzerrte Gesicht eines Mörders, für immer festgehalten im Moment seines größten Triumphs. Dann, zeitversetzt, kommen Scham und Skrupel, auch weil erst der zweite Blick dem fast im Hintergrund verschwindenden Opfer gilt, das in grotesker Pose auf dem Boden drapiert ist. Man registriert die abgelaufene Schuhsohle, die in eine hintere Ecke geschleuderte Brille, sieht aber nicht sein Gesicht. Verwunderlich, wie leicht man eindringen kann in den letzten, intimsten Augenblick im Leben eines völlig fremden Menschen.

Neben dem Mord an Karlow stehen die Flüchtlingskrise, der syrische Krieg und der Kampf gegen den IS im Norden des Iraks im Zentrum der sechzigsten World Press Photo Ausstellung. Die Gewinner-Fotos wurden aus über 80 000 Arbeiten, eingereicht von rund 5000 internationalen Fotografen, ausgewählt. Außerdem bietet die Schau Einblicke in das Alltagsleben von Menschen aus aller Welt, ob in der sibirischen Taiga oder der amerikanischen Kleinstadt, sowie beindruckende Werke der Natur- und Sportfotographie. Und wer an der technischen Geschichte der Fotografie interessiert ist, hat ohnehin jeden Grund dem Fotomuseum im siebten Bezirk einen Besuch abzustatten.  

Zweifellos hat die Erfindung der Fotografie, ein Quantensprung für die visuelle Universalsprache, eine Reihe an unangenehmen Fragen aufgeworfen. Welche Fotos haben moralische Berechtigung? Der legendäre amerikanische Fotojournalist Eddie Adams lieferte eine Definition, der wohl auch die World Press Photo Jury zustimmen würde: "Wenn es dich zum Lachen bringt, wenn es dich zum Weinen bringt, wenn es dir das Herz herausreisst, dann ist es ein gutes Bild."

"World Press Photo Exhibition"
WestLicht Museum
15.September - 22.Oktober

 

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