NOCH MEHR KULTUR

Alles auf Anfang

Meine Schüler kommen freiwillig. Sie besuchen meinen Kurs zusätzlich zu ihrem regulären Deutschkurs. Um bald arbeiten gehen zu können und dann die Sprache richtig zu lernen. Sie haben Berufe gelernt und sitzen jetzt die meiste Zeit herum. Sie kommen aus Damaskus und Homs und sind die Donau entlang nach Österreich spaziert, wie sie es selbst nennen. Manchmal fühle ich mich schuldig.

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 Das Deutsche ist hart und kompliziert und auch langweilig. Hier gehört ein bestimmter Artikel, dort ein unbestimmter Artikel und nein, nein da gehört gar kein Artikel. So steht es halt im Duden & Co. Wieso kann ich nicht sagen, aber so ist es eben. Manches ergibt keinen Sinn. Und wenn man miteinander spricht, dann ist wieder vieles anders. Aber dann kommt es wieder darauf an in welchem Teil des Landes man sich aufhält. Geschriebene Sprache ist nämlich nicht gleich gesprochene Sprache (wie ich auch bei meiner Masterarbeit erfahren durfte).

deutschkurs01Verwirrte Gesichter sind in meinem Deutschunterricht keine Seltenheit. Was auch daran liegen könnte, dass ich nicht die organisierteste ehrenamtliche Mitarbeiterin bin, und lieber das lehre, was mir im Moment einfällt, oder wenn sie mich etwas fragen. Ich teile keine Zettel mit Deklinationstabellen aus oder lasse sie Vokabellisten führen. Mein Ziel ist es, dass sie die deutsche Sprache beherrschen und sie richtig sprechen können und mir nicht alle Zeitformen eines Verbs stoisch aufzählen können, um dadurch einen Zettel zu erhalten, der einem Amt beweist, dass sie den Kurs absolviert haben. So lernt man, meiner Meinung nach, keine Fremdsprache. Möglicherweise mache ich auch alles falsch, weil ich keine ausgebildete DaF/DaZ-Lehrerin bin, sondern das was ich darüber weiß in meinem Germanistikstudium gelernt habe, was wiederum nicht die Welt ist.

Aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Erstsprache (ich deutsch, sie arabisch) kommt es oft vor, dass ich vorne stehe und wie eine Katze miaue oder andere pantomimische Darbietungen - besonders die Mimik spielt eine nicht zu verachtende Rolle - zum Besten gebe. Als Lehrerin arabisch sprechen zu können wäre in vielen Situationen hilfreich. Vielleicht aber dann doch nicht förderlich für den Erwerb des Deutschen, weil man dann vermutlich eher zum Arabischen als Sprache der Kommunikation tendieren würde. Sie sind stolz, wenn sie den Plural eines Nomens kennen oder ein Verb richtig konjugieren. Ich bin es auch.

Es klingt klischeehaft, kitschig und wie aus einer schlechten Werbung für ehrenamtliche Mitarbeit (und nein, niemand hat sich ineinander verliebt), aber ich habe in diesen ca. zwölf Wochen viel, vor allem über kulturelle Unterschiede, gelernt: dass in Syrien George Clooney nicht nur nicht bekannt ist und darum zwangsläufig nicht von allen Frauen verehrt wird. Dass ‘unsere’ Märchen dort keine Rolle spielen und nicht, wie bei uns, im kulturellem Wissen verankert sind, weil sie eigene Geschichten haben. Dass Alkohol dort sehr wohl verkauft und konsumiert wird. Und nicht so gut schmeckt wie bei uns. Dass Zigaretten dort noch nicht überteuert und verteufelt sind, sondern eher alle viel rauchen. Dass diese Teilnehmer sehr viele schwere Tatsachen mit Humor nehmen und hier, in Wien, tausende Kilometer von ihrer Heimat und Identität entfernt, bei null anfangen wollen.

 Nach jeder Einheit verlasse ich glücklich die Sprachschule. Zu helfen setzt in mir anscheinend Endorphine frei. Habe ich also auch etwas über mich gelernt.

Wer sich auch ehrenamtlich engagieren will, HIER gibt es ein paar Vorschläge.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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