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Überwachungskameras und der Inszenierungsbegriff

Innerhalb eines Kurses an der Universität Wien zu der Mise en Scène, Montage und Decoupage fing eine Diskussion darüber an, ob denn Aufnahmen von Überwachungskameras nicht auch Inszenierungen seien. Dass eine Überwachungskamera selbsterklärend die Realität zu erfassen versucht, steckt bereits in dem Begriff. Wichtig anzumerken ist jedoch, dass das Thema aus einem bestimmten Grund angesprochen wurde. Es wurde nämlich über einen Film gesprochen, welcher Filmmaterial von verschiedenen Überwachungskameras zeigt. Doch eben in diesem Film findet sich ein äußerst flagranter Unterschied zur allgemeinen Benutzung von Überwachungskameras.

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Eine Überwachungskamera dient normalerweise dem Bewachen bestimmter Räume mit dem Ziel, den Raum beispielsweise zu sichern, indem er visuell kontrolliert wird. Reichen die finanziellen Mittel, wird man mit dem Ziel, seine Örtlichkeiten abzusichern, einfach alle Bereiche mit Kameras ausstatten. Der Sinn ist damit erstens das realistische Erfassen der Umgebung und zweitens pure Zweckmäßigkeit.

Kontradiktorisch ist deshalb die Verwendung eines Begriffs, dem die Idee des Begrenzens von vornherein immanent ist. Etwas in Szene zu setzen bedeutet eben nicht nur den Prozess, eine Kamera zu positionieren und sich damit lediglich einen räumlichen Rahmen gebildet zu haben, sondern auch einen zeitlichen.

Diese Organisationsprinzipien des Raumes durch die Mise en Scène und der Zeit durch die Montage sind letztendlich Methoden die Realität zu abstrahieren.1 Die Bilder einer Überwachungskamera stellen aber alleine eine räumliche Begrenzung dar, die beispielsweise durch den Einsatz weiterer Kameras umgangen werden möchte (passend dazu die Entwicklung von 360º-Überwachungskameras). Das Ziel ist nicht die Abstraktion, sondern das verlustfreie Übertragen des Raumes. Eine zeitliche Fixierung ist hierbei ohnehin nicht vorhanden, da die Überwachungskamera keinen klaren Start- und Endpunkt besitzt.

Allerdings wirft das die Frage auf, ob man den Begriff der Inszenierung unabhängig einer künstlerischen Perspektive benutzen sollte. Und auch dabei stellt sich die Frage nach einem Akteur, der die Inszenierung betreibt, wenn es nicht ein Künstler wie der Regisseur tut. Inszenierungen kommen abseits der Kunst oft vor, sei es in der Politik oder im alltäglichen Leben in Form der Selbstinszenierung. Aber all diese Varianten haben eine Gemeinsamkeit: Die Konzentration auf eine geistige Idee durch einen Akteur und die Präsentation der umgesetzten Idee vor einem Publikum.

Besitzt der angesprochene Film, der aus aneinander montierten Überwachungskameraaufnahmen besteht, neben den erwähnten Organisationsprinzipien, die Akteure (das Filmteam) und auch ein Publikum, fehlen diese jedoch bei der reinen Überwachung vollständig. Mit einer sehr weiten Begriffsöffnung existiert ein Publikum sicherlich insofern, dass diejenigen im Überwachungsraum die Bilder der Kameras empfangen und sehen können, doch existieren weder Akteure noch eine geistige Idee in diesem Prozess. Eine geistige Idee stellt eine Reduktion der Realität dar und ist dadurch nicht so wie die Idee in ihrem an sich und allgemeinen Prinzip nach ist.²

Überwachungskameras sind hingegen reine Funktionen - die sinnlichen Verlängerungen der Sicherheitsbeamten. Wer dann im nächsten Schritt den Job eines Sicherheitsbeamten als Inszenierung oder Kunst darstellen möchte, muss schnell verstehen, wie abwegig die Konsequenzen dieser Begriffsbenutzung sind.

Überträgt man dieserart, reichlich absurd und sinnentfremdet, einen Begriff der Kunst-, Theater-, Film- und Medienwissenschaften auf technokratische Prozesse, bewegt man sich im Raum der Gehaltlosigkeit.


1 Jean-Luc Godard: Montage, Mon Beau Souci in Les Cahiers du Cinema, Dezember 1956
2 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik, 1835 - 1838

 

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