NOCH MEHR KULTUR

Ein Käfig voller Narren

Vom Hören kennt ihn fast jeder Student und jede Studentin – den Narrenturm, umgeben von Hörsälen liegt er am Rande des Universitätscampus. Sein Name erinnert noch daran, dass auf diesem Gelände, wo heutzutage tausende StudentInnen lernen, vor gar nicht allzu langer Zeit ein Krankenhaus gewesen ist.

narrenturm02Wirklich schwer zu finden ist der Narrenturm nicht. Allein seine Form hebt sich von allen anderen ihn umgebenden Gebäuden ab. Insgesamt hat er fünf Stockwerke und pro Etage 28 Zimmer (angeblich sind die Zahlen von den Freimaurern inspiriert). Erbaut wurde er durch Kaiser Joseph II., unser aller liebster Reformationskaiser, sowie das restliche alte AKH, in den Jahren 1783 bis 1784. Es ist die erste Psychiatrie weltweit, die speziell zu diesem Zweck gegründet wurde. Die pathologisch-anatomische Sammlung gibt es bereits seit 1796 und befindet sich als Museum im Narrenturm seit 1971. In den ehemaligen Zimmern (teilweise erinnern sie eher an Gefängniszellen) der PatientInnen befindet sich heute die Ausstellung. Die Räume sind dunkel und kalt. Es dringt wenig oder gar kein Licht von außen ein. Zwischendurch hört man die Tauben aus ihren Nestern gurren.

Geschlechtskrankheiten nehmen einige Zimmer ein. An verschiedenen Plastiken kann man die Auswirkungen der Syphilis oder der Gonorrhö betrachten, wie etwa entstellte Genitalien oder das eingefallene siebzigjährige Gesicht eines Kindes, das durch die Geburt von der Mutter infiziert worden ist. Wirkliche Genesung fand eher selten statt, weil eines der wichtigsten Medikamente damals noch nicht entwickelt worden ist: Penicillin.

narrenturm01Neben dem Hauptaugenmerk auf Präparate, Krankheiten und ihre verschiedenen Symptome wird ebenso die Geschichte der Apotheken und Ärzte vorgestellt. Besonders beeindruckend ist das Ärztezimmer eines italienischen Arztes aus dem 15. Jahrhundert, das nicht durch seine mittelalterlichen Folterinstrumente oder merkwürdige Behandlungstechniken auffällt, sondern durch seine Vielzahl an ausgestopften Tieren, unter anderem ein Krokodil, die damals für die Heilung der PatientInnen essenziell gewesen ist.

Interessant ist ebenso der Raum über die Pockenerkrankung und wie sie durch die Entwicklung der Methode der Impfung, und natürlich den richtigen Wirkstoff, Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ausgerottet werden konnte; durch Beobachtung, Ausprobieren und Risikobereitschaft. Im 17. Jahrhundert sind diese Versuche vor allem an Kindern durchgeführt worden – heute wäre der Aufschrei anders, wenn jemand ein Kind mit Pocken infizieren wollen würde, um es anschließend mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber nicht ganz sicher, dann doch zu heilen.

Leuten mit einem schnell eintretenden Ekelgefühl ist vom Besuch des Museums eher abzuraten. Man sieht eingelegte Mägen, Lebern und sonstige innere und äußere Körperteile, die durch unterschiedliche Krankheiten entstellt sind. Damit der Laie auch die Differenz zu einem jeweils gesunden Organ ja mitbekommt, sieht man diese im Vergleich dazu nebeneinander. Am Ende war ich schon fast nichtrauchender Antialkoholiker, der keinen Hautkontakt zu anderen Lebewesen sucht, weil man sich sonst mit Tuberkulose infizieren könnte. Da kann man nur sagen: Es lebe die Wissenschaft, es lebe der Fortschritt!

 

Wien. Mehr Kultur.
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