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Feminismus mit Humor

guiltyfeminist01Mit "The Guilty Feminist" anzufangen, kann sich schon mal problematisch auswirken. Ich habe zum Beispiel zwei Wochen lang absolut nichts anderes als alle alten Folgen gehört, bin in der U-Bahn wie eine Irre angesehen worden, weil ich spontan lachen musste und habe meiner Mum beigebracht, was Podcasts sind und wie sie funktionieren. Der Podcast von Deborah Frances-White versucht nämlich über Comedy die "Herausforderungen und Unsicherheiten, mit denen man als Feministin im 21. Jahrhundert umgehen muss" zu erforschen und zu diskutieren, um damit nicht mehr so alleine zu sein. Und füllt damit eine ziemliche Lücke. Das Schöne daran ist: es ist witzig. Keine Spur von verkrampftem "totalitären Feminismus", wie er so gerne beschimpft wird. Stattdessen wird jede Woche mit neuen Gästen – oder besser gesagt mit anderen witzigen Frauen, die ihren Alltag und ihre Erfahrung teilen – über einen anderen Aspekt gesprochen.

Der Aufbau von Guilty Feminist ist dabei immer gleich: Zuerst das Geständnis. In den "I'm a feminist, but..."-Runden zu Beginn jeder Folge kann ruhig schon einmal offen über feuchte Träume oder Schuhfetischismus gesprochen werden, teilweise auch über Egoismus oder schlicht und einfach unfeministisches Verhalten. Weil es ist zwar nett einen Autoreifen wechseln zu können, aber doch netter, wenn ein Mann das übernimmt, auch wenn das nicht der emanzipierte Weg ist.

Die Inhalte werden dabei nicht nur von Frances-White geliefert, sondern einem ganzen Panel. Aufgenommen wird als Live-Show, der Podcast erscheint immer am Montag danach. Die Live-Aufnahme gibt dem Setting etwas zusätzlichen Schwung, zeigt schon eine gewisse Empathie mit und von Publikum, jeder am Panel weiß dadurch, welche Aussagen gut ankommen und wo man vertiefen kann. Das macht es als Podcast-HörerIn ein bisschen einfacher, weil sozusagen jemand anderes das Nachfragen übernimmt, damit Sprecherinnen weiter auf etwas eingehen. Frances-White hat mittlerweile 95 Folgen des Podcasts produziert, zu Beginn noch gemeinsam mit der dänischen Comedian Sofie Hagen. Ende Mai kommt die hundertste Folge, die wie die Jubiläumsfolge zum britischen Frauenwahlrecht in Kooperation mit dem Guardian aufgenommen wird.

FÜR JEDE(N)
Mittlerweile werden die Plaudereien, Stand-up-Sets und Challenges von unterschiedlichsten Gästen bestritten. Oft sind es andere Kabarettistinen, Schauspielerinnen, teilweise WissenschafterInnen oder AktivistInnen. Die Mehrheit der Gäste ist allerdings weiblich, nur selten verirrt sich ein Mann in das Panel, auch das ist allerdings Absicht. Schließlich brauchen Frauen wohl kaum weitere Männer, die ihnen die moderne Gesellschaft erklären und welche Rolle sie darin bitte einnehmen sollten. Nein, in dem Fall machen Frauen sich selber untereinander aus, wie sie welche Aspekte dieser Rolle verstehen und ausleben – inklusive der Widersprüche zwischen den beiden Ansätzen.

Das Schöne an "Guilty Feminist" ist, dass alle Frauen am Panel sich kaum darum kümmern, wie etwas wirkt und ob es falsch verstanden wird. Erklären kann man ja noch immer, dafür sind die Gespräche in dem Podcast da. Frances-White greift einzelne Aspekte aus Stand-Ups regelmäßig auf, fragt nach, spielt den Ball an andere Diskutanten oder auch das Publikum ab. Das sorgt für lebhafte Unterhaltung, oft auch für Widersprüche, die aber zumindest in einem freundlichen Agree-to-Disagree enden. Pluralität ist schließlich auch bei der Meinung erlaubt.

FÜR WELTVERBESSERER UND OPTIMISTEN
Zusätzlich zum Fokus auf Feminismus ist der Podcast aber auch geprägt von dem Wunsch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das zeigt sich einerseits in der Ausrichtung der Themen, der Diskussion gegen Geschlechterrollen und für Inklusion, andererseits merkt man es auch an aktiv politischen Positionen, wie Sonderfolgen zur Trump-Wahl oder um Flüchtlingshelfer in Calais zu unterstützen. Zusätzlich endet jede Folge mit einem Spendenaufruf, da der Podcast gratis ist. Je nach Folge wird eine Hilfsorganisation einer Panelsprecherin (wie das Dahlia Project gegen Genitalverstümmelung, das von Comedian Leyla Hussein gegründet wurde) oder einfach einer Zuseherin vorgestellt und zum Spenden aufgerufen. Zwischendurch verfolgen diese auch längerfristige Ziele, eine Zeit lang wurde für eine irakische Flüchtlingsfamilie in Österreich (ja, in Österreich. Ich war auch überrascht) oder Aufrufe, das Hip-Hop-Musical Suffrageddon im Entstehungsprozess zu unterstützen.

Inhaltlich bleibt "The Guilty Feminist" trotz befürchteten Weltverbesserungspathos vor allem nahbar. So gut wie jede Frau findet Aspekte, mit denen sie sich identifizieren kann, so gut wie jeder Aspekt des Alltags wird aufgenommen. Das führt zwar manchmal dazu, dass einzelne Stand-Ups nicht hundertprozentig mit dem Thema einer Folge übereinstimmen, dafür sind sie aber unterhaltsam und bieten Einblicke in die Alltagsprobleme anderer Frauen. Selbst wenn das nicht unbedingt aufklärerisch ist, ermöglicht es bis zu einem gewissen Grad einen Ansporn zur Emanzipation und vor Allem für sich selbst einzustehen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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