NOCH MEHR KULTUR

Seestadt ist, wenn man trotzdem lacht.

Wenn man in die U2 in Richtung Seestadt steigt, so bemerkt man, wie nach und nach die Häuser kleiner und seltener werden, bis man, weit in der Ferne, den "Kranensee" und seine Bauprojekte sehen kann.

Das Wiener rot-grüne Bauprojekt "Seestadt" ist seit geraumer Zeit ein weit verbreitetes Thema bei Stamm- und Küchentischen, Politiker*innen und natürlich auch Kulturmagazinen. Mehr oder weniger schlaue Beobachtungen werden hier angestellt und entweder das "Dubai von Wien" (mehr dazu später) oder eine Ghettohölle der Vorstadt beschworen. Die Bezeichnung "Satellitenstadt" ist natürlich nicht ohne Kontext zu sehen, erinnert sie vom Wortlaut an die "Satellitenstaaten" der Sowjetunion, wobei sich hier sicherlich für so manch einen politisch Motivierten der semantische Kreis schließt. Auch jede noch so langwierige Erklärung, dass die rot-grüne Stadtregierung Wiens weder dem Sowjetkommunismus ähnelt noch irgendwelche sozialistischen Züge hat, ist in diesem Fall vergebene Mühe.

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Doch wo steht die Seestadt jetzt eigentlich, abgesehen vom geografischen Standtort, der ja bekannt und namensgebend ist? Im Jahr 2018 kann die Seestadt schon auf eine recht gute Einbindung in die Popkultur zurückblicken, gibt es immerhin schon einen Track lokaler Sprechgesangskünstler über sie und einen Krimi, der die teilweise recht seltsame Gegend als Kulisse benutzt.

Der 2016er Rapsong "Seestadt" von Huhnmensch & der böse Wolf betitelt die asperner Asphaltoase augenzwinkernd als das "Dubai von Wien", wobei man, wenn man tatsächlich selbst einmal vor Ort war, doch irgendwie versteht, woher diese Idee kommt. Das Lied verarbeitet gleichzeitig einen gewissen Pessimismus des Wohnprojekts zusammen mit dem Versuch, eine Identität eines in der Seestadt lebenden Rappers zu konstruieren.

Der ebenfalls 2016 erschienene Psychothriller-Roman "Seestadt" von Fritz Lehner beschäftigt sich mit Gewalt in der Gegenwart und sinniert über eine wortwörtlich friedliche Oberfläche, unter der die Zeugen einer gewaltsamen Auseinandersetzung nur scheinbar ruhen und verbindet so die Geschichte von Aspern und der dort stattgefundenen Napoleonischen Schlacht mit einer Reihe von Morden in der Gegenwart.

2017 ist schließlich auch ein Youtube-Kanal mit dem Titel "Zum Beispiel Seestadt" aufgetaucht, der zwar mit seinen fünf Videos und 16 Abonnent*innen nicht die Wogen des Seeststadt-Sees hochgehen lässt, aber dennoch ein interessantes Detail in Bezug auf die mediale Präsenz des werdenden Stadtteils darstellt.

Die Fertigstellung soll letztendlich 2028 erfolgen und wer weiß, wie sich dieser charmante und gleichzeitig bizarre Flecken Erde bis dahin entwickelt? Fahrt selber hin, macht einen Zwischenstopp beim einzigen Supermarkt dort, holt euch ein paar Club Mate, kehrt anschließend in der Seeseiten Buchhandlung auf der Janis Joplin Promenade ein und rüstet euch mit Lesestoff, bevor ihr den Hügel am anderen Ende des Sees erklimmt, um die Aussicht auf Land und Leute zu genießen, zu schmökern und euch mit einem koffeinhaltigen Urban-Drink zuzudröhnen!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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