NOCH MEHR KULTUR

Brave New World

"Die Zukunft ist da!" Wie oft haben wir diesen Slogan nicht schon gehört. In Serien, in Werbungen, im wahren Leben und meist hängt ihm ein Hauch von Optimismus an.

DIE DREI PRIORITÄTEN
Doch spaziert man derzeit irgendwo in Wien herum, ist es fast unmöglich, keinen der Elektro-Scooter, welcher Marke auch immer, stehen oder in Betrieb zu sehen. An sich nichts Schlechtes, sie verbinden sogar drei Prioritäten unserer Zeit, nämlich flexible Mobilität, gekoppelt mit (hoffentlich) grüner Elektroenergie und das alles unter dem Deckmantel eines Sharing-Konzepts, was könnte es besseres geben? Trotzdem hat es für mich einen üblen Beigeschmack und erst neulich bin ich darauf gestoßen, was mich stört. Die ganzen e-scooternden Menschen erinnern mich nur zu sehr an die Menschen aus dem Film "Wall-e". Endlich hat es die Wissenschaft geschafft, dass wir keinen Schritt mehr zu viel machen müssen.

Wer nicht gerade in einem dieser klassischen Altbauten ohne Aufzug wohnt und sich daher sowieso keine Gedanken um sein Fitnessprogramm machen muss, steigt direkt aus der Wohnung in den Aufzug, lässt sich ins Erdgeschoss befördern, wo entweder ins Auto gestiegen oder ein E-Scooter direkt zur Arbeit oder eben zum nächsten Öffis genommen wird.

Die gesteigerte Flexibilität ist natürlich erfreulich und ich bin jedes Mal wieder begeistert, wie talentiert Kinder mit ihren E-Boards auf jeglichen Untergründen fahren, trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack und in meinem Hinterkopf hat sich das Bild von den fetten, unbewegten Wall-e-Menschen festgeklebt.

bravenewworld01 artikel

SIZE 0 BIS S
Der selbe Hauch von Dystopie streift mich jedes Mal im Fitnessstudio. Eine Zeit lang habe ich neben den Cardio-Übungen die Serie "Black Mirror" geschaut, doch es braucht nicht mal die Folge "15 Million Merits" um darauf zu kommen, dass das keine gute Idee ist. In eben jener Folge verdienen die meisten Menschen Merits, eine Währung, die sie gegen unterschiedliche Güter tauschen können, indem sie auf Laufrädern sitzen. Sieht man sich das Konzept Fitnessstudio objektiv an, befinden wir uns schon in einer sehr ähnlichen Welt.

Durch unseren Wohlstand und die freie Marktwirtschaft haben wir mehr Essen, als wir eigentlich brauchen. Dauernd werden wir dazu verleitet, mehr als bloß unseren normalen Energieumsatz zu uns zu nehmen. Um Muskeln aufzubauen, die wir für unser tägliches Leben nicht brauchen, und in die neueste Kleidung der Saison - natürlich Size 0 bis maximal Small - hineinzupassen, gehen wir dann wieder für Stunden ins Fitnessstudio.

Also arbeiten wir mehr, um uns mehr Nahrung und das Fitness-Abo für den nächsten Monat leisten zu können. Ein endloses Rad der Absurdität.

DIE BESTE ALLER WELTEN
Zum Glück gibt es immer mehr Firmen, die sich an Google und Facebook orientieren und die Arbeitsplätze so gestalten, dass die Begriffe Arbeit und Freizeit verschwimmen. Was ist schon gegen einen 12-Stunden-Arbeitstag einzuwenden, wenn ich mich in meiner Firma schon fast wie Zuhause fühle. Dann ist es doch gleich nicht mehr so schlimm, dass ich meine Familie wenig sehe und schon die dritte freizeitliche Verabredung in Folge absagen muss, weil doch wieder etwas Geschäftliches dazwischen gekommen ist. Wenigstens weiß ich, dass ich mir vom hart verdienten Geld dann nicht nur die Fitnessmitgliedschaft, sondern auch den nächsten Urlaub leisten werde können.

Urlaub, den wir machen, um möglichst viele tolle Bilder online hochladen zu können, damit all unsere "Freunde" sehen, wieso wir keine Zeit für sie haben. Wir leben nämlich das beste aller Leben.

"Die Zukunft ist da!", schöne neue Welt …

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top