NOCH MEHR KULTUR

Vom akademischen Ghostwriter

Der Begriff Ghostwriting unterliegt in unserem heutigen alltäglichen Sprachgebrauch einem Irrtum. Ursprünglich fasst dieser nicht nur das heutzutage weit verbreitete und erstaunlich beliebte Phänomen des akademischen Ghostwritings von wissenschaftlichen Arbeiten. Durch die mediale Berichterstattung in den letzten Jahren im akademischen Bereich wird der Ghostwriter allerdings oft nur noch auf diesen Bereich eingegrenzt. Aus meinen persönlichen Erfahrungen kann ich zwar sagen, dass viele StudentInnen Anfragen dieser Art zusenden und ein beträchtlicher Teil von Ghostwritern sich zumindest an dem Erfüllen dieser Anfragen ausprobiert, doch muss ich in diesem Text uns, die AutorInnen, in Schutz nehmen.

GHOSTWRITER

So ist die Situation vieler BerufsautorInnen, gelinde gesagt, problematischer Natur. Mit Sicherheit wollen nicht alle Ghostwriter im akademischen Bereich tätig sein, da dieser einer rechtlichen Grauzone entspricht. So dürfen die verfassten Arbeiten lediglich als Entwürfe beziehungsweise Beispielarbeiten zur Hilfestellung dienen. Die letztendliche Arbeit muss selbstverständlich also vom Studierenden geschrieben werden und darauf sollte jeder Ghostwriter auch hinweisen, vor allem die freiberuflichen. Doch wie es im vielfältigen beruflichen Umfeld als Kulturschaffender üblich ist, ist meistens nicht der Ghostwriter selbst daran schuld, dass er das tut, was er tun muss. Der Zwang besteht zum einen aus der Tatsache, dass Texter jeglicher Art heute leider zu oft zu bescheiden bezahlt werden. Einige Amazon-Kindle-Unternehmer bringen in YouTube-Blogs ihren Jüngern sogar bei, dass es gute Ghostwriter gäbe, die für einen Cent pro Wort schreiben würden. Mit Verlaub, aber höchstens HobbyautorInnen und StudentInnen schreiben für einen derart unverschämten Preis. Von einem Cent pro Wort kann niemand seinen Lebensunterhalt bestreiten und wenn man dann nichts für die Recherche bezahlt bekommt, beziehungsweise die Überarbeitung des Textes, dann kann man am Ende des Tages froh sein, wenn man sich das Klischee eines armen Studentenlebens, bestehend aus Nudeln und Reis, überhaupt leisten kann. Selbst Brot wird dann schnell zum Luxusgut. Akademische Arbeiten werden meistens deutlich besser bezahlt, Preise bis zu 50€ pro Seite sind da durchaus in Ordnung, wobei es natürlich auch auf die gewünschte Leistung ankommt.

Moralische Bedenken werden von Außenstehenden zwar oft angesprochen, beziehen sich in erster Linie aber leider oft auf den Autoren selbst. Natürlich ist es unschön, als Ghostwriter zu schreiben und natürlich würden die AutorInnen lieber unter ihrem eigenen Namen verfassen. Aber sich über den inhärenten Bereich des Betrügens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu wundern, ist reichlich unreflektiert. Einer Gesellschaft, die auf Leistung, Optimierung und eben Kapital im Sinne einer Differenzierung messbarer Faktoren ausgerichtet ist, ist der Gedanke des eigenen Vorteils nicht nur immanent, sondern führt nicht selten zu betrügerischen Handlungen, um sich eben optimaler in diese Gesellschaft eingliedern zu können. Diese Dialektik findet sich nicht nur darin, dass StudentInnen aufgrund des gesellschaftlichen Drucks solche Angebote erst erschaffen, sondern auch in der angesprochenen Preispolitik. Obwohl man die Leistungen der professionellen AutorInnen will, um sich einen qualitativen Vorteil zu sichern, möchte man trotzdem einen Preis zahlen, der nicht der Leistung der AutorInnen entspricht, einem selbst jedoch zumindest einen finanziellen Vorteil zu versprechen vermag. Im schlimmsten Falle zahlen die AuftraggeberInnen dann auch nicht, aber dies ist ein anderes Problem des freiberuflichen Ghostwriters.

Gelegentlich schreibt man dann aber auch nicht die üblichen Texte für Unternehmen, StudentInnen oder Amazon-Kindle-UnternehmerInnen, sondern tatsächlich auch Romane, Drehbücher oder Songtexte. Leider zu selten.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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