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Fünf Paradigmen der Bildbetrachtung auf Instagram

Obgleich es unter verschiedenen Gruppierungen, welche man als moralische Aposteln treffender zusammenfassen kann als der altertümliche Begriff es zuerst prophezeit, Gang und Gebe ist, sich wahlweise konsumkritisch oder humanistisch zu inszenieren, bemerkt man an einigen Personen die Widersprüche doch recht schnell, wenn man denn das korrekte Thema für eine erfolgreiche Demaskierung anspricht.

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"Freidenker" sind nämlich nicht nur moralisch überlegen und haben interessanterweise selten finanzielle Schwierigkeiten, sondern besitzen zudem einen exquisiten Kunstgeschmack oder produzieren bestenfalls selbst entweder "echte Kunst" oder erkunden mittels unangepasster Methoden die Grenzen künstlerischer Genres (sie machen also "wahrhaftige Avantgarde"). Die Ausdrücke ihres Ichs werden dabei konsequent erforscht, indem man bereits vorhandene Motive und Stilistiken mithilfe der Google-Bilder-Suche reproduziert. Ohne jetzt aber in eine allzu zynische Polemik zu verfallen, widmen wir uns dieses Mal nicht den ProduzentInnen dieser Bilder, sondern dem resultierenden Verhalten der Aufnehmenden der angesprochenen, gemütvollen Ergüsse.

Der Zynismus obiger Aussagen folgte als eventuell psychologisch-einzige und -notwendige Reaktion auf Gespräche, Diskussionen und Treffen mit Kulturschaffenden kreativer und wissenschaftlicher Art. Der Selbstvermarktung wegen bekommt man gelegentlich Konten auf Instagram empfohlen oder empfiehlt sich anderen. Folgende Beobachtungen wurden getätigt, wenn man den Handyhaltenden beim "Betrachten" von Kunst auf Instagram inspizierte:

  1. Jegliche Beiträge werden ausschließlich affektiv aufgenommen. Entsprechend der geistigen Möglichkeiten der Konzentration gleicht sich auch die Geschwindigkeit des Weiterstreichens vom menschlichen Daumen an. Wenn man in dieser Geschwindigkeit durch das Museum laufen würde, wäre Usain Bolts Weltrekord keine besondere Leistung.

  2. Daher werden Beiträge auch in einer positiven Exaltiertheit rezipiert, welche selbst die geistige Ekstase der damaligen Manson-Groupies in den Schatten stellt. Positive Vibes müssen immer und überall sein, damit bloß keine Negativität in unser ansonsten so wunderschönes Leben eintritt. Daher ist auch Kunst, die aufgrund von negativen Erlebnissen angefertigt wurde nicht inspirierend, motivierend oder kreativ. Ein großer Teil von Kunst wäre mit dieser verblendeten Sicht nicht entstanden.

  3. Dass erfolgreiche Kreativ-DienstleisterInnen meistens wenig Innovatives veranstalten, sollte jedem bewusst sein, der sich nur halbwegs mit dem Kunstmarkt auseinandergesetzt hat. Die Befolgung von Klischees und damit die gezielte und planbare Ansteuerung von Märkten illusioniert die Menschen dahinter. Muss man das als schlecht werten? Keineswegs! Aber es kreativ zu nennen, beleidigt jeden Künstler, der sich außerhalb betriebswirtschaftlicher Kategorien Gedanken zum Eigenleben seiner Ideen macht.

  4. Radikalität wird sowieso nicht gerne gesehen. Aber auch vor allem Bilder, die farblos und dunkel sind, damit also visuell automatisch wenig auffallen, sind tatsächlich immer unbeliebter. Je distanzierter die Bildästhetik eines Bildes ist, desto unbeliebter ist es. Vielleicht verstehen wir jetzt, wieso die Bildästhetik von Xavier Dolan oder Wes Anderson vielen Influencern attraktiv zum hohlen Kopieren erscheint.

  5. Moderne Kunst fungiert bei vielen StudentInnen oder Erwachsenen, die mit ihrem Alter nicht Händchen halten wollen, als Mittel zur Verarbeitung ihrer Probleme. Entweder hält man also Händchen mit jungen Mädchen oder Jungen aus der Schule oder man entdeckt seine kindlich-naive Seite inform eines abstrakten Expressionismus und klatscht wild fuchtelnd Farbe auf die Leinwand, weil das Tinder-Date doch älter war, als es zuerst auf dem Bild aussah (oder jünger). Kleinbürgerliche Probleme hochstilisiert zum künstlerischen Ausdruck absoluter Freiheit. Psychotherapie für Arme könnte man das ebenso nennen. Aber Hauptsache, man postet Bilder auf Instagram, wie dreckig die Hände nach dem Malen sind. Es gibt weitere Tätigkeiten, die dreckige Hände hinterlassen. Eingerahmt in des Filters grenzenloser Schön- und Sattheit.

So entstehen Klischees vom Künstler, der nicht arbeitet und auch nicht malen (oder filmen oder musizieren oder was auch immer) kann. In der Wirtschaft gibt es oft eine Einteilung des Budgets. Die Hälfte geht auf die Produktion drauf und die andere Hälfte für die Werbung. Vielleicht hilft eine ähnliche Aufteilung auch hier.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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