NOCH MEHR KULTUR

Guilty pleasures gibt es nicht

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Ich wette, du kennst diese Situation. Du bist auf einer Party, und jemand fragt, ob du zufällig eine gute Playlist am Handy hast. Klar hast du, aber du zögerst. Man weiß ja schließlich nie, ob die anderen checken, dass du Justin Biebers "Baby" eh nur total ironisch hörst. Oder was ist, wenn dich jemand das erste Mal zuhause besucht. Verspürst du dann auch den Drang deine heißgeliebten Bridget Jones Bücher hinter deinen gesammelten Jane Austen Werken zu verstecken?

Schon witzig eigentlich, dass es eine Zeit gab, als Leute panische Angst hatten, jemand würde ihre Ausgabe von Jane Austens "Pride Prejudice" entdecken, so als wäre sie die in Blut getränkte Tatwaffe in einem ungeklärten Mordfall. Die brillante britische Autorin selbst kommentierte diesen Zustand sehr treffend in ihrem Roman "Northanger Abbey":

"'Ich bin keine Roman-Leserin – Ich werfe kaum einen Blick in Romane – Glaub ja nicht, dass ich oft Romane lese – Es ist eigentlich sehr gut, für einen Roman.' Das sind gängige Aussagen. 'Und was lesen Sie, Miss?' 'Oh! Es ist ein Roman!' antwortet die junge Dame, während sie ihr Buch mit gespielter Gleichgültigkeit, oder augenblicklicher Beschämung, zur Seite legt."

Im akademischen Diskurs ist die Vorstellung, dass es eine klare Unterscheidung zwischen Hochkultur und Populärkultur gibt, von denen erstere von höherer Qualität ist als letztere, schon lange und zurecht mausetot. Aber in der breiten Öffentlichkeit erlebt sie aktuell eine merkwürdige Reinkarnation, die sich in dem Begriff "guilty pleasure" manifestiert.

Ein guilty pleasure ist etwas, dass dich unterhält oder dir Freude bereitet, obwohl du weißt, dass es das nicht tun sollte. Spitzenreiter der guilty pleasure charts sind: Reality TV, romantische Komödien, oder Mainstream Popmusik à la Taylor Swift und One Direction. Und so perpetuiert sich eine völlig willkürliche Trennlinie zwischen dem was für edgy, cool, und clever befunden wird, und dem was angeblich seicht, trivial, oder sentimental sein soll.

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Bitte, missversteht mich nicht. Wie die meisten anderen, schätze ich bösartige Satire und trockenen Humor. Ich habe eine Schwäche für Ironie, die hart an Zynismus grenzt. Aber ich behaupte, dass  ironisch oder meta zu sein allein noch keine/n großartige Künstler/in macht, genauso wie eine Dosis Sentimentalität nicht automatisch ein Symptom akuter, letaler Belanglosigkeit ist.

Zum Beispiel liebe ich es, an einem regnerischen Sonntagnachmittag die Sisi-Trilogie auf ORF2 zu sehen. Falls gefordert, könnte ich ein Essay über die problematischen sexistischen Untertöne schreiben, oder über die Opiat-ähnliche Funktion dieser Filme in Nachkriegsösterreich, oder über die revisionistische Darstellung der politischen Verhältnisse im Kaiserreich. Aber eigentlich ist mir nicht danach. Mir ist danach, auf meiner Couch zu liegen und zu grinsen, wenn der bildschöne Karlheinz Böhm der bildschönen Romy Schneider verliebt in die Augen schaut. Und das ist okay. Es gibt nämlich gar keine guilty pleasures, und du darfst Kate Hudson Filme auch ganz unironisch mögen.

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Klar, es ist wichtig, dass wir über Verhältnisse sprechen, zum Beispiel, ob bestimmte TV-Formate gar so viel Sendezeit verdienen, und ob es nicht so einiges gibt, was im Leben vieler Menschen eine Rolle spielt, aber in der Mainstream-Kultur völlig unterrepräsentiert ist. Unzählige reale Geschichten, die originell, persönlich und komplex sind, werden nicht erzählt, weil sie in keine der glänzenden, glatten Schablonen für Leichtverdauliches passen, und irgendwie nicht so richtig "sexy" sind.

Außerdem gibt es tatsächlich viele Filme, Songs und andere Unterhaltungsprodukte da draußen, die ich uninspiriert, oberflächlich oder schlicht schockierend dumm finde. Aber, und das ist der springende Punkt, du könntest das anders sehen. Dieses "uninspirierte" Lied könnte dich unwillkürlich an einen warmen Sommertag zurückversetzen, den du vor einigen Jahren mit Freunden am See verbracht hast, und dieser "oberflächliche" Film könnte in dir dieses köstliche Gefühl von Nostalgie auslösen, das wir alle, ehrlicherweise, manchmal wirklich nötig haben. Und warum nochmal soll das schlecht sein?

Klar, schau dir den verstörenden französischen Film an, und lies endlich das Buch, das so unbequem ist aber dich herausfordert. Und trotzdem, wenn dir manchmal danach ist, in die warme Umarmung eines Britney Spears Klassikers zu flüchten, dann lass dich nicht von anderen bloßstellen. Inhaltsleere Begriffe wie "unintellektuell" oder "seicht" sind nichts als rhetorische Waffen, und im Übrigen auch ziemlich sexistisch. (Schon irgendwie auffällig, dass vorzugsweise das, was hauptsächlich Frauen gefällt, als trivial belächelt wird).

Unsere Generation liebt die Ironie, die Metaebene und die distanzierte Satire, und oft zurecht. Aber, wie David Foster Wallace es auf den Punkt brachte: "Die beängstigendste Vorstellung, für den gut-konditionierten Zuseher, ist es den Spott anderer zu riskieren, indem man den passé Ausdruck von Wert, Emotion, oder Verletzlichkeit zulässt. Andere Menschen werden zu Richtern, das Verbrechen ist die Naivität."

Schäm dich nicht, für das was dir gefällt, und lass dich nicht von dem Begriff "guilty pleasure" einschüchtern. Kunst darf allumfassend sein, und sie darf viele Funktionen erfüllen. Sie darf die Untiefe menschlichen Erlebens illustrieren, sie darf aktuelle gesellschaftliche Zustände kritisieren, sie darf beleidigen und provozieren, und, ja, sie darf dich auch einfach nur unterhalten.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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