NOCH MEHR KULTUR

Der Griff zu mythologisierten Fäkalien

Kunstausstellung 1

Trotz der dadaistisch-anmutenden Überschrift sollten wir uns mal wieder dem Thema der Kunstrezeption widmen: einige Dinge bedürfen der Betrachtung.

Zum einen ist es die scheinbar argumentative Rechtfertigungsstrategie, seinem emotionalen Werturteil einen starren Beistrich zu vermitteln, indem man auf die emotionale Natur des Menschen verweist. Diese ideologische Struktur zu denken, kennt einen Begriff: Tradition. Dass Traditionen die Menschen zum Stillstand bewegen, sollte heutzutage jeder anhand unterschiedlichster politischer und auch religiöser Entwicklungen erkennen können. Abgesehen davon lässt sich darin eine sich selbst enttarnende Art des Denkens ablesen. Denn in dem Vorgehen, etwas, was man seit geraumer Zeit nicht nur in den Kunst-, sondern auch in den Kulturwissenschaften stetig präziser greifen kann, mit dem Rückverweis auf die menschliche, emotionale Natur zu mythologisieren, dient nur einem Zweck: Der Bewahrung des Unwissens über den jeweiligen Gegenstand. Etwas respektlos formuliert: Nur, weil jemandem Scheiße schmeckt, bleibt es immer noch Scheiße und wird sich nicht zu etwas Anderem transformieren können, weil man selbst es für eine geschmackliche Offenbarung hält oder die eigene Familie es seit hundert Jahren als geheimes Familienrezept jeden zweiten Sonntag im Monat auf den Tisch stellt.

Natürlich darf jedem das gefallen, was ihm gefällt. Der Griff ins Klo ist keine verbotene Handlung. Dass er damit allerdings im Falle der Kunst diese als nützliches Objekt zur emotionalen Befriedigung benutzt wie andere Menschen Sex-Spielzeuge dazu verwenden, sollten sich die betreffenden Personen dann von solchen arroganten, spießigen, leidenschaftslosen Pessimisten wie mir tagtäglich anhören müssen. Denn man verzeihe mir die Polemik (nicht wirklich), aber dieses Problem des Anti-Intellektualismus führt uns erst zu den jetzigen gesellschaftlichen Problemen, an denen unsere moderne Gesellschaft derzeit zu zerbrechen droht. Laufend werden wir aufgefordert, emotional zu entscheiden, was uns zusagt und was nicht. Ob es jetzt die Rechtspopulisten, die Zeugen Jehovas, die Veganer oder die TV-Werbung ist. Viele teilen sich ihre Strategie, doch auf das Herz zu hören und auf das eigene Menschsein zu vertrauen, um dann kategorisch gegen Ausländer, Ungläubige, Fleischfresser oder das langweilige Leben zu sein.

Besser ist es, kategorisch erst einmal gegen alles zu sein, um sich dann einen Zugang zu Themen zu erarbeiten. So verringert man das Risiko einer ideologischen Vereinnahmung und man vernimmt seltener ein Klingeln der Tür und des Handys, weil weder Sekten noch Freunde einen darauf hinweisen, was für ein sturer, pessimistischer Hund man doch sei. Am Ende des Tages hört man dann alleine eine Schallplatte mit der Musik von Edgar Varèse und kann sich darüber aufregen, dass keine Sau seinen Namen kennt, obwohl seine Musik eine tatsächliche Offenbarung ist. Nicht nur geschmacklich, sondern auch aus einer musikwissenschaftlichen Perspektive. So haben sich dann zwei Personen gefunden, und vielleicht wirst du ja der dritte im Bunde. Zu dritt kann man dann nicht nur die alltäglichen Mythen der Massenkultur präziser entmythologisieren, um es mit den Worten von Barthes auszudrücken, sondern vielleicht kann man gerade im gemeinschaftlichen Diskurs über Kunst und nicht über die emotionale Reaktion auf Kunst auch tatsächlich so etwas wie kulturellen Fortschritt wenigstens zu dritt skizzieren. So entwickelt sich ein Geist von Gemeinschaft innerhalb des Diskurses, der nicht nur auf dem Trieb basiert, uns zu einer Herde zu versammeln, um dann Parolen von uns zu geben wie: Hör auf dein Herz. Stattdessen kann man sich solange streiten, bis man zusammen seine Liebe zum Diskutieren entdeckt.

Erstens: Kunst ist niemals nur Unterhaltung. Wer es immer noch nicht glaubt (ist ja schließlich wichtiger als es zu wissen), kann sich einmal den ganzen Tag RTL2 anschauen, bis er dann bemerkt, wie sich anfangen, die eigenen Gehirn- und Nervenzellen zu verändern.

Zweitens: Kann man nicht endlich damit aufhören, seine Triebe hinter ästhetischen Urteilen zu verstecken. Einfach mal weniger egozentrisch sein und stattdessen vielleicht einmal tatsächlich über Kunst diskutieren. Und zwar so lange, bis man sich dann doch eingesteht, dass ein einziger Varèse deutlich interessantere Musik macht als Justin Biebers sieben Produzenten zusammen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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