NOCH MEHR KULTUR

Die Geburt des Hashtag: Ein Problemkind Teil 1

#: Das Zeichen, das in den letzten Jahren von Social Media eine mächtige Renaissance erfahren durfte, ganze Menschenrechtsbewegungen unter einem Schlagwort oder einer Phrase vereint, Nachrichten verbreitet und – so scheint es – politische Diskussionen beeinflusst, gehört doch mal genauer unter die Lupe genommen. Was verbirgt sich hinter der Raute und woher kommt sie?

Das Octothorpe, das Rautezeichen oder gegenwärtig am besten bekannt als Hashtag bezeichnet Keith Houston, Autor von "Shady Characters" – ein Buch voller spannender Geschichten über die Entstehung von Interpunktionszeichen – als Problemkind.

#PROBLEMKIND
Anfänglich wirkt es harmlos, ein schierer Tausendsassa, dessen Bezeichnungen und Gebräuche in einem angenehm systematischen Schema auftauchen. Jedoch eröffnen sich zur Geschichte dieses gegenwärtig so gängigen Zeichens ungeahnte Hintergründe. In den USA wird #5 als Nummer 5 und 5# als 5 Pfund in Gewicht gelesen. In Großbritannien wird die Kreuzschraffierung aufgrund seiner Form als hash-Zeichen bezeichnet, so kam es auch zur gängigen Social-Media-Bezeichnung #Hashtag.

Woher aber kommt dieses Zeichen? Die glaubwürdigste Geschichte zur Entstehung des Symbols, welche konkrete Beweise enthält, entspringt im Alten Rom:

hashtag02

#LIBRAPONDO
Die römische Bezeichnung für ein Pfund in Gewicht war "libra pondo", wobei libra Waage bzw. Ausgleich bedeutet und pondo vom Verb "pendere" – abwiegen – kommt. Beides separat verwendet hat dieselbe Bedeutung, nämlich 1 Pfund in Gewicht. Von jenen zwei Bezeichnungen bekommt das Rautezeichen seinen Namen. Im späten 14. Jahrhundert fand die Abkürzung "lb" für libra Einzug ins Englische und war mit einer Linie, bekannt als "tittle" oder "tilde" ausgestattet (heute wird die Wellenlinie/Überzeichen ~ so benannt), die sich in der oberen Hälfte des Buchstabens befand, versehen. In Eile geschrieben (siehe Abbildung) transformiert jenes Symbol zu einem Rautezeichen, wobei das lb mit Linie ein Artefakt in der Evolution des # geblieben ist.

Aber nicht nur libra – "lb" – hat eine Veränderung durchgemacht, sondern auch sein Partner "pondo". "Pondo" war jedoch abhängig von der Tücke der gesprochenen Sprache. Das lateinische "pondo" wurde zuerst zum Altenglischen "pund" (ähnlich dem deutschen "Pfund") und später zum modernen "pound". Das Pfund-Zeichen # war geboren. "Libra" und "pondo" waren somit wieder vereint. Schön, oder?

#MULTITALENT
Das Rautezeichen ist nur eines der Relikte der Phrase "libra pondo", welches eine Vielfalt an ineinander verflochtenen Zeichen, Wörtern und Konzepten hervorbrachte, die heute noch von Bedeutung sind. Am beständigsten sind jene bezogen auf Gewichte, Werte, Symbole und Terminologie, welche die westliche Münzprägungen und Währungen für mehr als ein Jahrtausend definierten – unter jenen nicht zuletzt ein Pfund-Zeichen mit einem reichen römischen Erbe.

hashtag0101

#NEWEUROPE #NEWCURRENCY
Die bedeutendsten Nachkommen der römischen Eroberer waren die im 8. und 9. Jahrhundert herrschenden Könige karolingischer Dynastie. Karl der Große und viele andere christliche Nachkommen arbeiteten an einem neuen Europa. Ein Europa inspiriert vom Römischen Reich, das um eine Mini-Reneissance in Kunst und Kultur bemüht war.

Es wurde eine einheitliche Währung erschaffen, dessen Münze "denier" (angelehnt an die alte römische Münze "denarius") genannt wurde. Das römische "libra pondo" wurde also von einer neuen Währung entthront. Sein Name und dessen Wert fielen an das Fränkische "livre", das italienische "lira", das britische "pound" und an das deutsche "Pfund". Die Überlieferung von "libra pondo" durch das Medium der Währung gab Anlass zu einem weiteren Pfund-Zeichen, dieses Mal das £ für pound sterling.

#TOBECONTINUED
Wo überall das Rautezeichen noch so vorkommt, wie es zur englischen Bezeichnung "Octothorpe" gekommen ist (gar nicht so naheliegend!) und wie es eine neue Art zu telefonieren mit der Platzierung auf Telefon-Wählscheibe hervorgebracht hat, erfährt ihr demnächst im zweiten Teil von "Die Geburt des Hashtag: Ein Problemkind".

Mehr Entstehungsgeschichten eurer liebsten Interpunktionszeichen, die euch täglich auf Smartphones und Tastaturen begegnen, gibt’s in dem schlauen Buch:
Keith Houston: Shady Characters: The Secret Life of Punctuation, Symbols & Other Typographical Marks (W W NORTON & CO, 2013)

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top