NOCH MEHR KULTUR

Eine Verteidigung der Öffentlichen Verkehrsmittel Wiens

Meine Kollegin Andrea Travnik beschäftigt sich in der Serie der  U6 CHRONICLES mit der Erlebniswelt des physischen U-Bahn-Alltags - ich möchte mich nun der digitalen Existenz der öffentlichten Verkehrsmittel widmen, exakter formuliert: ihrer Verteidigung vor Angriffen in den sozialen Medien.

Soziale Medien in Anführungszeichen

Denn die neuen, nicht immer "sozialen" Medien, zwingen uns mit ihren Formaten und Zeichenlimits, unsere Kommunikation an sie anzupassen, sodass komplexe Zusammenhänge oft verkürzt kommentiert werden. Marshall McLuhans "The Medium is the Message" ist aktueller denn je. Ich denke, dass hier ebenfalls oft Schuldzuweisungen stattfinden, die beinahe automatisiert wirken, so allgegenwärtig sind zum Beispiel die "scheiß Öffis, schon wieder zu spät"-Posts von Profilen verschiedenster Leute. Vom Jus-Studenten zum Tierpfleger, sie haben alle etwas "beizusteuern". Sie regen sich über zu früh oder zu spät kommende Garnituren auf, beanstanden das Sperren von Stationen aufgrund von Renovierungen, machen Apps für ihr Zuspätkommen verantwortlich, kurzum: sie "wienern" nach allen Regeln der Kunst durch das Internet. Ob hier von "digitalem Manspreading" gesprochen werden kann, überlasse ich anderen, deren analytische Fähigkeiten und Vorwissen zu diesem Thema wahrscheinlich einen besseren Überblick verschaffen können.

öffis1

Wegzeiten anstatt Abfahrtszeiten

Ich spreche niemandem das Recht ab, Frustration zu empfinden, wenn einem der Bus, die U-, oder Schnellbahn oder irgendein anderes Verkehrsmittel grade vor der Nase davonfährt. Was ich Leuten aber schon ankreide sind deren unerfüllbare, und realitätsfernen Ansprüche an ein "öffentliches" Transportsystem, also nicht ihren privaten Kutschenservice. Die An- und Abfahrtszeiten der Wiener Linien auf die Minute genau in den Tagesablauf einzuplanen ist schlicht und ergreifend naiv. Denn allein das Ein- und Aussteigen von Leuten kann selbst die beste App der Welt nicht berechnen. Da sind so viele Faktoren im Spiel, die Anzahl der transportierten Fahrgäste ist da noch die überschaubarste, neben deren Alter oder körperlichen Verfassungen. Beziehen wir dann noch unvorhersehbare Dinge wie Ausfälle anderer Linien, Staus wegen Baustellen, Großveranstaltungen, Demonstrationen und Unfällen mit ein, so muss einem klar werden: dass das Wiener Verkehrssystem überhaupt funktioniert, ist nichts weniger als ein Wunder. Allgemeine Wegzeiten mit Sicherheits-Zeitpolstern einzuplanen ist deshalb denkbar einfacher und sicherer, wenn man zeitgerecht an sein Ziel kommen will.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top