MUSIK

Die letzten Machos in der Stadthalle

Wanda"Ich brauch an Baileys, Oida!" – Soweit die Reaktion nach dem Konzert. Unterhaltsam, die Stimmung habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Wobei, eigentlich sollte es ja Schnaps sein. Zumindest erwartet man das von Wanda-Fans. Aber auch egal. Das Mädchen wirkt euphorisch mitgenommen und ein bisschen betrunken. Passt perfekt.

Wanda hat sich in den letzten zwei Jahren neben Bilderbuch zum absoluten Aushängeschild österreichischer Musik gemausert. Sie stehen für den neuen Austropop, werden in Deutschland über alles gelobt und von Besucherzahlen bei Konzerten braucht man gar nicht erst sprechen. Ausverkauft ist die Standardansage.

Kleine Unterschiede zu Konzerten im vergangenen Jahr merkt man aber. Die Weinflasche vorne auf der Bühne fehlt. Die erste Tanzeinlage kommt erst nach 30 Minuten. Vielleicht zur Krafteinteilung, ein Einzelkonzert dauert ja länger als ein Festivalauftritt. Vielleicht aber auch wegen des fehlenden Alkohols. Wer weiß, auch das basiert ja nur auf Gerüchten.

Dafür brauchen sie eigentlich keine Vorbands. Also, Schnip Schranke und Trümmer haben auch gut gespielt, aber da war kaum etwas los. Ein Großteil des Publikums ist auch erst irgendwann während der zweiten Vorband aufgetaucht. Davor… naja, hat die Stadthalle schwach besucht ausgeschaut. Aber: das war ja davor.

Pünktlich bei Luzia – also eh dem traditionellen ersten Lied von Wanda – ist es nämlich voll. Bumvoll. Herzschmerz, beziehungsweise die Aufforderung dazu, heizen ein; Das imaginäre Mädchen, dass einen verletzt, ist plötzlich der Wunschtraum aller. Dass alle plötzlich dasselbe wollen, ist ein kontinuierliches Schema während des Konzertes. Wanda sind schon oft kritisiert worden wegen der eingängigen – oder manchmal auch einfachen und sich ständig wiederholenden – Texte. Bussi Baby, Sterben in Wien, mehr Schnaps und mehr Sehnsucht nach Liebe oder Kummer deswegen sind die Themen. Das reicht schon um mit 30 Sätzen zwei Alben zu füllen. Sagt man. Wahrscheinlich sind es mehr. Wenn man sich nur Wandas Songs aus den Charts angehört, wirkt dieses Argument aber schon ziemlich bestätigt. Vielleicht mag das Publikum einfach die paar Sätze am liebsten.

Dito die Musik: Nicht erst einer hat gesagt, dass sich die einzelnen Melodien zu sehr wiederholen. Stimmt auch. Bei den Liedern, die in den Charts waren und bei denen jeder mitsingen kann. Der Rhythmus und die Hauptmelodie sind sich oft ähnlich, zumindest unter den Ohrwürmern gibt es vom Gefühl her nur drei, vier verschiedene. Aber es führt ja genau das dazu, dass die meisten Wanda-Songs Ohrwürmer sind. Und es gibt ja auch noch Solos und die Zwischenfiller, um das instrumentalische Können besser unter Beweis zu stellen. Funktioniert auch, besonders um die Zeit zu überbrücken, während Marco Michael Wanda sich dem Bad in der Menge hingibt.

Apropos Bad in der Menge. Das zieht sich hin, in den Nahaufnahmen auf der Videowall sieht man auch schon eine gewisse Langeweile bei der Band, außerdem ist er ja ein paar Mal fast untergegangen. Aber: am Schluss steht er und die Menge jubelt. Und genau da war kurz wieder das berühmte Grinsen. Ein leicht fassungsloses Lächeln ob der überragenden Zustimmung und Begeisterung, in dem aber auch ein bisschen Überheblichkeit steckt. Das Bewusstsein, dass all diese Menschen nur für einen selbst aufgetaucht sind.
Publikum und Feuilleton lieben in Rezensionen die Wurschtigkeit, mit der Wanda spielen. "Wir spielen, wie wir es geil finden und ihr könnt's das auch tun. Oder auch nicht. Mir scheißegal." Also sinngemäß. Wohl deshalb ist auch die Debatte über Wandas Einstellung zu Feminismus und Sexismus müßig. Oder zum "Auftritt" von Ronja von Rönne im Bussi-Video (du meine Güte, man sieht ihre Beine. Ein Skandal für jemanden, der sich öffentlich vom Feminismus distanziert). Wanda haben all diese Diskussionen bis jetzt unbeschadet überstanden. Wohl auch, weil es tatsächlich egal ist.

In ihren Texten geht es oft um Frauen, um Liebeskummer, auch um Sex, die Abhängigkeit der Geschlechter voneinander. Das kann man so oder so sehen. Wanda haben sich für eine Sichtweise entschieden. Die Kritik daran ist zwar nicht immer positiv, aber sie bringen es rüber. Also zumindest in den Texten. Wie viel Macho in jedem einzelnen Bandmitglied steckt, ist ungeklärt. Macht aber meistens nichts.

Beim Amadeus haben sie sich trotzdem ins Fettnäpfchen gesetzt. Drei Amadeus-Awards in einem Jahr sind überdurchschnittlich für Acts, der für die beste Live-Show ist gleichzeitig eine Würdigung des Publikums. Allerdings hat der Live-Auftritt bei der Preisverleihung das Ganze ad-absurdum geführt. Bekannt für Exzesse, Alkoholismus-Unterstellungen und das Herumwälzen auf der Bühne, haben sich Wanda beim Amadeus nämlich einfach hingestellt und gespielt. Ohne irgendetwas und komplett angezogen. Nicht ganz das, was sich die Fans vorgestellt hatten, sondern wohl doch ein bisschen anbiedernd.

Auch dieses Wochenende war es eben ein bisschen ruhiger. Als im Vergleich zu Festivals, zu einer Band die auf Ekstase steht und nicht nur auf die Musik. Aber der Musik-Fokus ist wieder stärker. Einzelne Spielereien mit Liedern, langsames Anklingen-lassen, ein Kontrast zwischen weichen und harten Interpretationen, den man auf den Alben sicher nicht findet. Dem Publikum hat es gefallen. Auch wenn "Bologna", und damit der Ursprung des Amore-Mottos, erst als Zugabe gespielt wurde. Der Amadeus war nicht nur aus der Sicht der Fachjury verdient.

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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