MUSIK

Oskar May - Musik, die aus dem Kontext greift

oskarmay02Es ist dunkel im Wiener Chelsea. Lediglich sechs weiße Lichtschwaden winden sich um die große Gestalt auf der Bühne. Oskar May, der diesen samstäglichen Konzert Abend vor der Berliner Band Lea Porcelain eröffnet, greift zum Mikrofon. Eine gute halbe Stunde lang darf man sich in den dunklen, wabernden Soundgefügen verlieren, die er kreiert und die von seiner eindringlichen Stimme getragen werden. Nach dem Konzert holt man sich draußen an der Bar ein Bier und starrt ungläubig zu den großen Bildschirmen, auf denen Wrestling übertragen wird. Man hätte gerne noch ein wenig länger Eskapismus betrieben. Es folgt der Versuch eines Porträts.

SELBSTBEZEICHNUNG POP
Wer Oskar Mays Musik einer Genrebezeichnung zuordnen will, stellt sich keiner leichten Aufgabe. Dem leidigen Referenz Zwang hörig, kommen auch wir nicht umhin, ihn im Interview in einem Wiener Schanigarten nach einer Definition zu bitten. Er selbst beschreibt sich als Popmusiker. Was auf den ersten Blick vielleicht verwundern mag, ergibt bei genauerer Betrachtung Sinn. "Ich nenne alles Pop, das nicht Klassik und nicht Jazz ist. Wenn andere Leute mir sagen, wie sie meine Musik einordnen würden, ist das meist weit entfernt von dem, wie ich selbst sie wahrnehme. Das macht mir aber nichts aus. Sobald meine Musik mich verlässt, kann alles mit ihr passieren. Ich würde sie nicht als mein geistiges Eigentum bezeichnen, sondern überlasse sie der Interpretation." Roland Barthes, säße er mit uns am Tisch und tränke Spritzer, würde Oskar May bei dieser Überlegung zuprosten.

Seit 2015 steht Oskar May unter gleichnamigem Pseudonym auf Bühnen in Berlin, Gent, Wien und Linz. Die Grundstimmung seiner Musik lehnt an den Pathos von Black Metal an. Großen Einfluss auf seinen Werdegang übte aber vor allem auch Joanna Newsom aus, deren Musik Oskar May als eine Art tröstendes Gegenmoment zu einer stetig schwelenden Introvertiertheit empfunden hat und somit seinen Atlas-Komplex, wie er es bezeichnet, tilgen konnte.

oskarmay03DAS WORT AUS DEM KONTEXT LÖSEN
Besonders charakteristisch an Oskar Mays Musik ist, dass die Vocals sehr im Vordergrund stehen. Erfährt man jedoch mehr über die Genese und den musikalischen Prozess, der Oskar May auf die Bühne brachte, ist das nicht verwunderlich. Bereits früh beschäftigte er sich mit Lyrik und Sprache. Hierbei standen jedoch von Anfang an die Rhythmik und die Melodie der Worte im Fokus, weniger ihre semantische Bedeutung. "Durch die Wiederholung und Gegenüberstellung sprachlicher Begriffe, erfährt man das Wort in einer anderen Art und Weise, ohne dezidiert auf ihren Kontext zu bestehen. Das Wort hat schließlich immer mehr, als nur einen Kontext."

Diese Faszination an der Melodik und der Rhythmik der Sprache, führte Oskar May schlussendlich zur Musik. Auch in der Komposition seiner Tracks spielt dieser Aspekt eine bedeutende Rolle. "Ich notiere Phrasen und Sprachfetzen, die ich beispielsweise in den Nachrichten aufschnappe, und versuche diese Wortsammlungen dann rhythmisch zueinander finden zu lassen. Was anfänglich jedoch mehr an sprachphilosophische Überlegungen angelehnt war, passiert mittlerweile immer assoziativer. Es ist wie eine Art archäologische Arbeit, in der die oberste Wortschicht, nämlich die Bedeutung, weggekratzt wird, um das Wort somit in einem Soundgefüge aufzulösen." Dieses Vorgehen spiegelt sich auch in den Inhalten wider, die transportiert werden. "Ich interessiere mich sehr dafür, was die teils entfremdende Sprache der Medien mit dem Individuum macht. Das hat dann natürlich auch politische Implikationen. Was passiert mit dem Individuum in gewissen Gefühlen? Meist bin ich dieses Individuum. Manchmal habe ich aber auch intersubjektive Momente."

Getragen werden die aufgedröselten Wortgefüge von einem teils kontrastierenden, teils harmonisierenden (hier wären wir wieder beim Pop) Beat, vor allem jedoch von Oskar Mays prägnanter Stimme.

oskarmay01Wenngleich es heute so aussieht, als hätte May immer schon gesungen, ist seine Stimmgewalt Frucht einer Entwicklung, die in den letzten Jahren erst wirklich eingesetzt hat. "Ich hatte lange Zeit beim Singen das Gefühl, meine Stimme zu verstellen. In einem post-rauschigen Zustand habe ich mich schließlich einmal ans Klavier gesetzt und meine Stimme zum ersten Mal so verwendet, wie ich sie jetzt einsetze. Es war ein Prozess. Ich habe eine Stimme gefunden, die eigentlich immer schon da war. Jetzt könnte ich gar nicht mehr anders singen."

LABEL IN BERLIN
Oskar Mays Affinität, zwischen den Genres von Musik und Lyrik zu hantieren, spiegelt sich auch in seinem Berliner Label, Gully Havoc, wider, das versucht, genau diese Nische zu bedienen.

Derzeit ordnet Oskar May das über den Winter entstandene Material und verbringt viel Zeit im Proberaum. Was die Zukunft an musikalischen Projekten bringen wird, will er noch nicht vorwegnehmen. Er streckt jedoch ein wenig seine Fühler für Kollaborationen mit anderen MusikerInnen aus. Am Ende bleibt nur noch die Aufforderung, sich seinen experimentellen, dunkel-umgarnenden Soundflächen auszusetzen.

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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