MUSIK

Oh, Angel. Über die feministische Interpretation eines Folk Konzertes

olsen02Es war ein durchwachsener Konzertabend, der letzten Dienstag im Wiener WUK vonstatten ging. Dabei waren die Voraussetzungen durchaus vielversprechend. Es ist einer dieser magischen Frühsommer Abende. Frauen mit kurz geschnittenen Ponys und Männer mit aufgekrempelten Hosen nuckeln an ihren eisgekühlten Spritz-Getränken. Der dämmernde Himmel, gepaart mit der Industrie Romantik des WUKs, im Sommer ohnehin einer der schönsten Flecken Wiens, bilden die Kulisse dieser Dienstag Nacht. Noch. Denn irgendwann möchte man schließlich doch einlösen, wofür man gekommen ist - die US-amerikanische Folk Sängerin Angel Olsen. Dafür muss man sich jedoch in den mangelhaft belüfteten, schweißtreibenden Konzertsaal bewegen, der dann auch zum Verhängnis dieses Abends wird. Wir haben gelernt: Unkonzentrierte Musiker*innen verbunden mit einem unkonzentrierten Publikum sind ein Deut an Unkonzentriertheit zu viel. Und: Wenn das Störmoment von männlichen Vertretern der Zuschauenden ausgeht, dann wird das zu einem feministischen Anliegen.

50ER JAHRE ÄSTHETIK UND EIN MITTELFINGER
Nach der durchaus passablen und Synthie lastigen Darbietung von der Vorband Alex Cameron, dessen augenscheinlichstes Charakteristikum dann aber doch der Hüftschwung des Sängers bleibt, gibt es braven Applaus. Soweit ist noch unerkannt, dass die Zurückhaltung neben der Tatsache, dass supporting acts immer verhaltener bejubelt werden, auch daran liegt, dass die Hitze im Saal der Energie einiges an Abbruch tut. Diese entlädt sich dann aber vollends, als Angel Olsen - die kurz geschnittenen Pony Frisuren finden spätestens jetzt ihre Erklärung - mit Band die Bühne betritt. Begeistert vermerken wir den fünfzig prozentigen Frauenanteil und beschließen, uns auch unbedingt einen Anzug im 50er Jahre Stil zulegen zu müssen. Ohne große Ankündigung spielt Angel Olsen bald den bekanntesten Song des letzten Albums My Woman. „Shut up, kiss me“ - wobei das „Shut up“ hier leider wörtlich zu nehmen ist. Es folgt der Hinweis, dass hier gerade ein Konzert über die Bühne geht. Hätte man selbst etwas zu sagen, könne man sich gerne mit ihrem Booker in Verbindung setzen. Diese anfänglich als etwas überempfindlich wahrgenommene Bemerkung, findet ein paar Songs später meine Zustimmung. Das Publikum ist wirklich laut. Vor allem ein paar junge Männer unweit der Bühne, deren Geräuschkulisse eher an ein Fußballstadion erinnert, was so gar nicht zu den ruhig-umgarnenden Klängen von Olsens Set passen will. Diese antwortet mit einem Mittelfinger. Auch wenn es rabiat erscheint und dem ohnehin angeschlagenen Verhältnis zwischen Publikum und Bühne noch mehr Abbruch tut, ist dieses Verhalten bei genauerem Betrachten erstens ziemlich Rock‘n‘Roll und zweitens aus feministischer Perspektive ziemlich legitim. Dass nämlich ein erlesener Kreis männlicher Hörer das Konzert durch Gejohle stört, gerade bei dem Lied „Creator“, das der Bassistin gewidmet wurde und von Olsens Bewunderung für diese erzählt, ist schon ziemlich uncool. Und macht den Mittelfinger beinahe zur bitteren Notwendigkeit.

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VERGEBLICHES WARTEN AUF DIE ZUGABE
Auch wenn der Rest des Publikums durch angestrengtes Klatschen nach dem Song versucht, die Stimmung wieder zu heben, irgendwie will dieser Abend nicht mehr recht in die Fugen geraten. Die Musiker*innen auf der Bühne sehen größtenteils gelangweilt aus. Beinahe will man dem Gitarristen schon eine Grimasse zuwerfen, damit das fade Augerl verschwindet. Schade. Denn durch die Lethargie und (berechtigten) aggressiven Gesten, blitzen doch immer wieder Momente, die in Erinnerung rufen, warum man Angel Olsen so gerne mag. Es werden größtenteils Songs vom neuen Album My Woman gespielt, in denen der altbewährte psychedelische Sound auf Countryrock- Elemente und Elektropop trifft. Olsens fantastische, zeitlose Stimme trägt durch die langsamen, vielschichtigen und rhythmisch raffiniert arrangierten Songs. Auch die reinen Instrumentalteile lassen fast schon vergessen, dass die Stimmung ja eigentlich ziemlich im Keller ist. Aber eben nur fast.

Warum in einer Bühnenecke eine Schale mit Früchten steht, hat sich für mich auch nicht erschlossen. Nach einer Stunde ist das ganze dann auch schon wieder vorbei. Zugabe gibt es keine, zum Abschied wird lediglich eine Birne aus der mysteriösen Fruchtschale ins Publikum geworfen. Ich stelle mir vor, wie Angel Olsen hinter der Bühne in einen Apfel beißt und verkündet: „Für die gehen wir sicher nicht noch mal raus.“ Viele enttäuschte Gesichter verlassen den Saal. Für den ein oder anderen Song hätte man der Hitze gerne noch getrotzt.

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Fotos: Patrick Münnich / www.patrickmuennich.com

 

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