MUSIK

Attic Giant - Intimes aus Wien

Kennt ihr das Gefühl, von einer Welle im Meer erfasst und langsam gen Strand zurückgeschwemmt zu werden? Ähnlich getragen wird man von den klanglichen Gebilden der Wiener Band Attic Giant. Der raffinierte Multi-Instrumentalismus, die mehrstimmigen gesanglichen Parts und die eindringlich hauchende Stimme Daniel Tischlers, die durch den Gesang Nastasja Roncks akzentuiert wird, laden ein in ozeanische Weiten aus Klang, Takt und Wort. Dass einer der Songs von Attic Giant auch tatsächlich "The Flood" heißt, ist hierbei als umgekehrte Onomatopoesie zu verstehen. Besonders live besticht die Band durch einfache, jedoch abwechslungsreiche Arrangements, die Intimität schaffen, wie es Auftritte im Porgy&Bess beim Bleubird Festival, am Acoustic Lakeside Festival, in Graz beim Autumn Leaves Festival sowie in Dresden belegen.

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Begonnen hat Attic Giant jedoch als Recordingprojekt in einem Wiener Schlafzimmer. Wie es zur schrittweisen Gründung der Band kam, erzählen uns Nastasja und Daniel bei einem Gespräch im Park.

VOM RECORDINGPROJEKT ZUR BAND
Damals. Man ist 23, hat bereits in mehreren musikalischen Formationen mitgewirkt und verspürt den Wunsch, endlich die eigenen Ideen umzusetzen. Man schreibt einige Songs und möchte ein Album produzieren, deren Aufnahmen im Idealfall ähnlich intime Momente evozieren sollen, wie Live-Auftritte. "Wenn ich selbst Musik konsumiere, mache ich das beinahe lieber anhand guter Aufnahmen, anstatt den Act auch tatsächlich live zu erleben", erzählt uns Daniel. Diese Herangehensweise als Rezipient wendet er auch auf sein eigenes musikalisches Schaffen an. Er schreibt Songs, die in weiterer Folge im Studio aufgenommen werden. Doch dann passiert längere Zeit nichts. "Nach einer Phase der Resignation bin ich dann schließlich entspannter an dieses Recordingprojekt herangegangen. Nach einiger Zeit hat sich allmählich auch die musikalische Zusammensetzung herauskristallisiert, aus einem Soloprojekt wurde eine Band. Auf einmal kamen die Dinge ins Rollen."

atticgiant02Heute. Was alleine in einem Wiener Schlafzimmer begann, ist zu einer fünfköpfigen Formation gewachsen, die die leise im Vordergrund stehenden Vocals von Daniel mit vielschichtigen musikalischen Aspekten ergänzt. Statt eines Schlagzeuges hantiert Attic Giant beispielsweise mit einem klassischen Schlagwerk, einer Orchestertrommel und einem Glockenspiel, was dem Sound teilweise einen orchestralen Anstrich verleiht. Gepaart mit wiegenden, im Vordergrund stehenden Melodien der Akustikgitarre, dem Einsatz von mehrstimmigen gesanglichen Einlagen, die Daniels und Nastasjas Stimmen unterlegen, sowie einem Klavier und einer Trompete, entstehen schwelende Klangmomente, die vertraut anmuten und doch etwas völlig Neues bieten. Attic Giant überraschen in ihren Arrangements. Beim Durchhören der beiden EPs "Flush" und "light=whatwesee", die erst vor Kurzem erschienen ist, ertappt man sich dabei, angenehm überrumpelt zu werden. Das Gefühl von "Ah, so könnte der Song weitergehen", will sich nicht einstellen. Attic Giant wissen, wo sie klanglich hinwollen, bevor es die Zuhörenden antizipieren können und das ist gut so. Die Arrangements der Aufnahmen können jedoch so meist nicht eins zu eins live übernommen werden, sondern müssen reduziert, beziehungsweise abgewandelt werden. "Wir bewegen uns live somit in Strukturen, die Intimität schaffen, weil sie so reduziert sind. Es entstehen immer neue Variationen der Songs, die in Wechselwirkung mit den jeweiligen MusikerInnen ausgearbeitet werden", erklärt uns Nastasja.

atticgiant03MUSIK, DIE BLEIBT
Dass diese Formel aufgeht, lässt sich anhand der früh einsetzenden Erfolgsmomente Attic Giants demonstrieren. Bevor die Band auch nur einen einzigen Auftritt gespielt hatte, wurde die Single "IO" inklusive des dazugehörigen Videos via Musikexpress veröffentlicht. Der Song schaffte es zudem auf die FM4 Soundselection, bevor es überhaupt eine Facebook-Page oder einen Instagram-Account gab. Mittlerweile sind Attic Giant bei der, dem von Thees Uhlmann gegründeten Label zugehörigen Booking Agentur Grand Hotel van Cleef und bewegen sich stetig vorwärts, ohne die Dinge erzwingen zu wollen. "Ich sehe Attic Giant nicht als ein Fulltime Projekt. Wir wollen nachhaltig gute Musik machen und wirklich nur jene Gigs spielen, auf die wir uns auch angemessen vorbereiten können", so Daniel. Hierbei befinden sich Attic Giant in der privilegierten Lage, auf ein gewaltiges Repertoire an musikalischer Expertise zurückgreifen zu können. "Da beinahe alle in der Band Musik studieren oder studiert haben und extrem gute MusikerInnen sind, gilt es achtsam zu sein, sich nicht von all den Möglichkeiten erschlagen zu lassen, die uns zur Verfügung stehen. Da ich das als einziger in der Band quasi nicht professionell mache, ist mein Zugang vielleicht intuitiver, aber gleichzeitig extrem theoretisch. Die Songs entstehen größtenteils, bevor ich tatsächlich zu einem Instrument greife. Ich glaube, 70 Prozent des bisherig Vertonten entstand beim Spazierengehen", so Daniel.

Diese Kopflastigkeit schlägt sich auch in den Lyrics nieder, die bei genauerem Hinhören genauso essentiell erscheinen,wie der instrumentelle Aspekt, jedoch von Daniels hauchender Art zu singen kaschiert werden. "Ich verstehe mich eigentlich nicht als Sänger, sondern sehe meine Performance einfach als eigene Art, meine Stimme zu nutzen", erklärt Daniel schmunzelnd.

Bescheidenheit siegt. Im Falle von Attic Giant scheint dies auf ganzer Linie zuzutreffen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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