MUSIK

Warum sich Musik so gut anfühlt

Eisernes Klirren. Motorenlärm, dann setzt ein drängender, pulsierender Beat ein, gefolgt von dem mächtigen Sound des Streichorchesters und einer voluminösen, warmen Stimme. Mehr, sagt das Hirn, mehr von dieser bittersüßen, euphorischen Schwermut. Was ist das, an manchen Songs, die uns aus Raum und Zeit katapultieren und in einen Flow-Zustand bringen, der uns unwillentlich immer und immer wieder Replay drücken lässt?

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Scrolle ich weiter runter unter dem YouTube-Video zu Massive Attacks unvergleichlichem 1991-Triumph “Unfinished Sympathy”, dann sehe ich meine Emotionen gespiegelt in den Kommentaren fremder Menschen. LoveAge erinnert sich “an die Straße, die sie entlang ging, als sie auf ihrem Walkman dieses Lied hörte”. John Stokes spricht von “dem Moment in dem du realisierst, dass du 56 Jahre alt bist und immer noch keine bessere Melodie als diese gehört hast”. Anne Marie sagt: “Manchmal muss ich dieses Lied anhören, um meine Seele zu nähren”. Und ich frage mich: Wie können ein paar Schallwellen in den Köpfen von Unbekannten identische Sensationen auslösen?

Der Neurowissenschaftler Robert Zatorre ist Experte, wenn es darum geht, was Musik in unseren Köpfen bewirken kann. Ähnlich wie Essen, Sex und sozialer Kontakt, aktiviert Musik die uns gefällt unsere neuronalen Belohnungszentren und Dopamin wird ausgeschüttet. Doch während Nahrung und Fortpflanzung offensichtliche evolutionäre Funktionen erfüllen, bleibt der Zweck von Musik vorerst ein Rätsel. (Übrigens schon für Darwin in seinem Hauptwerk “The Descent of Man”: “[D]a weder der Genuss von, noch die Begabung zur Produktion von Musik Fähigkeiten von geringstem Nutzen für den Menschen darstellen […], müssen diese zu den mysteriösesten gezählt werden, mit denen er ausgestattet ist.”)

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Tatsache ist, praktisch überall auf der Welt, wo es Menschen gibt, gibt es auch Formen von Musik, und die zeigen überraschende interkulturelle Gemeinsamkeiten auf. Vor allem ein grundlegendes Gespür für Rhythmus scheint uns angeboren. Dazu passen die Theorie, dass Schlaginstrumente die ersten Werkzeuge musikalischer Ausdrucksweise waren, und die Beobachtung, dass sogar Menschenaffen rhythmische Sequenzen trommeln.

Taktgefühl und Musik scheinen unserer Spezies also im Blut zu liegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Team um den Mediziner Luciano Bernardi entdeckte, dass sich Herzrate, Atmung und Blutdruck mit dem Rhythmus von Kompositionen synchronisieren, während wir diese anhören. Sogar unsere Gehirnwellen können sich an den Beat eines Liedes anpassen. Der Eindruck, Musik bringt etwas in uns zum Schwingen, basiert also durchaus auf physiologischen Fakten.

Musik erfüllt auch eine zentrale soziale Funktion. In vielen Kulturen ist die Sprache der Musik jene, über die Beziehungen zwischen dem Selbst und der Gruppe verhandelt werden. Und so sind Musik und Tanz oft der einzige Weg, sich über strikte gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzten: In der züchtigsten Jane-Austen-Verfilmung dürfen Heldin und Held sich zwar kaum die Hand reichen, aber bei der Quadrille darf man sich schon mal tiefe Blicke zuwerfen. Und wer bei den eigenen Großeltern nachfragt, wird merken, auch hier war der Paartanz oft der einzig akzeptierte Weg, sich körperlich anzunähern. 

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Bei dem Effekt, den Musik auf die meisten Menschen hat, ist es kein Wunder, dass sie nach wie vor ein Milliardengeschäft ist. Die Streaming-Plattform Spotify hat laut aktueller Statistik 75 Millionen zahlende Abonnenten. Und wer freiwillig keine Musik hört, der kann ihr trotzdem kaum entfliehen: In Arztpraxen, Fußgängerzonen, Aufzügen, während Flugzeuglandungen und in Geschäften. Dort sorgen eigene Unternehmen wie Mood Media für die perfekt abgestimmte Soundkulisse. Sedierung, Rausch, Glücksgefühl, Zusammenhalt – kaum eine Stimmung, die Musik nicht auslösen kann. Gibt es eine synthetische Droge mit vergleichbarer Wirkungsvielfalt? Oder wie Bob Marley es formulierte: “One good thing about music, when it hits you, you feel no pain”.

Das Geheimnis um den Ursprung der Musik ist noch längst nicht geklärt, aber sicher ist: Musik ist mächtig. So gesehen ist ihre Omnipräsenz also nicht verwunderlich. Auch die unmusikalischsten Eltern singen ihren Kindern vor, fast jedes Paar hat “sein Lied”, und ältere Mitmenschen notieren schon mal die musikalischen Wünsche für ihr Begräbnis. Musik ist Sucht- und Heilmittel, Sprache und sozialer Kleber. Und manchmal, da ist Musik eine Zeitmaschine, oder wie mblack1973 unter “Unfinished Sympathy” kommentiert: “Wie können 27 Jahre wie gestern erscheinen? Ein Wimpernschlag.” 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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