AUF REISEN

Post aus: Lappland

lapplandBegonnen hatte alles mit der Idee, einen Freund, der auf Austauschsemester in Umeå war, über Silvester zu besuchen und gemeinsam ans Nordkap zu fahren. Da es dort aber sehr wenig andere Aktivitäten gibt, und wir Silvester zu feiern hatten, entschieden wir uns für eine nette kleine Hütte über dem Polarkreis in einer Grenzstadt zwischen Schweden und Finnland; in Jatuni bei Kaaresuvanto. Dieses kleine Dorf in der Gemeinde Enontekiö hat ganze 140 Einwohner und wird von dem Fluss Muonionjoki von seiner schwedischen Hälfte Karesuando getrennt (insgesamt dann 450 Einwohner). Die Finnen scheinen es dabei zu genießen, sich als Intravetiertes, zurückgezogenes volk zu inszenieren und so war ich schwer begeistert, dass es weder von mir erwartet wurde, Smalltalk zu führen, Gesprächspartnern direkt in die Augen zu schauen, noch in einer für Normalsterbliche wahrnehmbaren Lautstärke zu sprechen, während ich auf meine Füße starre. Das ist natürlich ein Clicheé. Jeder Bewohner Finnlands, der uns begegnete, war überaus hilfreich und offenherzig. Unser Nachbar, vor allem, half uns bei jedem kleinen Gebrechen (bitte, wir sind eingeschneit. Der Strom ist ausgefallen. Das Auto liegt im Fluss. Ok, das vielleicht nicht) und brachte uns, als der Strom länger ausfiel, ungefragt einige Kerzen vorbei. Da die Finnen auch überaus technikaffin zu sein scheinen (man denke nur an Nokia), war zu unserer Überraschung oberhalb des Polarkreises überall bester Empfang und auch WLAN verfügbar.

Durch eine Stunde Zeitverschiebung zwischen Schweden und Finnland bekamen wir die Chance, wenn wir den eingefrorenen Fluss neben unserem Haus überquerten, gleich zwei mal Silvester zu feiern. Wobei Silvester dort zu feiern eher an einen Blindgänger erinnert: Ein euphorischer Countdown auf den kein Feuerwerk folgt, da die Bewohner Kaaresuvantos dem neuen Jahr scheinbar mit beständiger Gleichgültigkeit entgegensehen. Mit der gleichen Ernüchterung nahmen wir auch zur Kenntnis, dass trotz größter Nordlichtwahrscheinlichkeit die Schneesturmwolkendecke, die aus Norwegen ins Land gezogen war, jede Möglichkeit auf klaren Himmel zu Nichte machte. Aber es leuchtete schön grün hinter den Wolken durch. Damit verklangen unser Neujahrscountdown und auch das alte Jahr in der Stille der Polarnacht. Dass es dabei die ganze Zeit dunkel ist, stimmt nicht so ganz. Ich habe es immer mit lauwarm Duschen verglichen: Dabei ist es weder wirklich kalt noch wirklich warm und so ist es auch nicht wirklich dunkel, aber die Sonne steigt nie über den Horizont und es bleibt nur bis halb vier dämmrig, danach ist es stockdunkel. Auch die Niedrigtemperaturen, die wir uns ausgemalt hatten, wurden nicht erfüllt. Die meiste Zeit hatte es zwischen minus ein und minus fünf Grad (danke, El Niño), nur einmal sank die Temperatur unter minus 24 Grad. Dafür gibt es Rentiere - und zwar in großen Mengen, überall auf den Straßen - wer immer schon ein echtes Rentier sehen wollte, sollte sich unbedingt auf die Reise machen. Aber Vorsicht für Vegetarier: Rentier ist wohl auch das beliebteste Fleisch im hohen Norden und Gemüse und Obst sind nahezu unleistbar. Außerdem werden jährlich bis zu 4000 Rentiere im Straßenverkehr überfahren, weswegen einige Hirten dazu übergegangen sind, die Hörner ihrer Tiere mit reflektierendem Spray einzusprühen.

Natürlich gibt es im Hohen Norden auch noch einige spannende Aktivitäten zu erleben, die ich kurz beschreiben will: Ganz ehrlich, wer von uns hat nicht schon einmal davon geträumt, mit einem Hundegespann durch die Arktis zu flitzen? Die Hunde von Hetta Huskies sind dabei eine perfekte Anlaufstelle. Bei einer Tour durch das Gelände der Hundefarm lernt man einige Fakten über die Huskies, die teilweise rescue dogs sind, und über Gattungen, aber auch dass jede dünne Hund einen dicken (felligen) Kuschelpartner in die Hütte bekommt, damit sie sich gegenseitig wärmen können. Außerdem gibt es, wenn es gerade einen frischen Wurf gibt, die Möglichkeit eines puppy encounters und man darf alle Streichelbedürfnisse dort ausleben. Bei den besonders verschmusten Tieren schmilzt sogar jeder alteingesessene Katzenmensch - zu denen auch ich mich zähle - dahin. Dann kann man noch - je nach Budget - nach einer kurzen Einführung einige Runden auf einem Hundeschlitten, den man zuerst unter Anweisung selbst zusammenstellt, fahren. Motorschlitten-Verleihe gibt es eigentlich sehr viele. Man kann aber auch einfach bei der Tankstelle oder im Restaurant nachfragen, manchmal borgen die Finnen auch ihre Privatschneemobile her, da scheinbar jeder eines besitzt. Ich würde aber nicht raten, mit der selben Geschwindigkeit wie die Finnen, oder die selben Strecken wie sie, zu fahren. Die Stellen, an denen der Muonionjoki, über den viele Schneemobilrouten laufen, zu dünn wird, werden nämlich nur mit kleinen Holzstäbchen markiert, und es scheint ihnen auch überhaupt nichts auszumachen wegen einer zu schnell überfahrenen Bodenunebenheit Kopf voran von ihrem Schneemobil katapultiert zu werden. Für Adrenalin und Motorjunkies ist es aber auf jeden Fall eine Investition wert.

Falls du schon wissen wolltest, wie der Weihnachtsmann lebt, gibt es die Möglichkeit, ihn im Santa Claus Village Zuhause zu besuchen. Das Hetta Snowcastle, das jedes Jahr unter anderem aus dem Eis von umliegenden Seen gegossen wird und Eis Skulpturen mehrerer dort heimischer Künstler ausstellt, ist die Anlaufstelle für Iglu-begeisterte, die sich Iglus in Hausgröße wünschen.

Wenn es ein bisschen mehr Kultur sein soll, kann man auch die nördlichste Kirche Schwedens in Karesuando besuchen, die nicht nur eine wunderschöne, heimelige Atmosphäre durch Holzelemente und einen Altar von Bror Hjort schafft, sondern deren Gebetsbücher auch in den Sprachen finnisch, schwedisch und samisch vorhanden sind, oder man besucht das Siida und liest sich in die Geschichte der  Samenkultur ein.

Und was wäre ein Schwedenurlaub ohne Surströmming zu probieren? Falls man davor noch nicht wusste, was das ist, vergisst es nach der ersten Duftnote nicht mehr so schnell. Als traditionelles Nationalgericht der Schweden wird hierbei in Salzlake eingelegter, vergorener Hering auf Knäckebrot mit Kartoffelpüree, Zwiebeln, und viel Creme Fraiche gegessen - es schmeckt genauso, wie es klingt. Aber die Reaktionen auf Youtube sind eindeutig übertrieben.

Und so bin ich von meinem Abenteuer zurückgekehrt: glücklich und mit der Unendlichkeit der finnischen Schneedecke, den dichten Wäldern und dem eisigen Schweigen der Polarnacht im Kopf. Lappland ist für mich der perfekte Ort geworden, um sich Zeit und sich selbst etwas zurück zu nehmen, und ein bisschen Einsamkeit zu genießen. Schlussendlich muss noch angemerkt werden, ganz objektiv betrachtet, dass Finnland wohl das beste Land der Welt ist und ich jedem eine Reise dorthin, auch im Winter, empfehlen würde.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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