AUF REISEN

Post aus: Gent

gentIch freute mich vor allem auf das Flair dieser kleinen belgischen Stadt, die von unglaublichen 69.000 Student/innen bevölkert wird. Außerdem sehnte ich mich nach ein bisschen Ruhe, die ich in den vielen grünen Oasen der Stadt mit leichten finden konnte. Der kleine Begijnenhof in der Lange Violettestraat tat es mir dabei am meisten an. Wenn man aus einer Metropole wie Wien kommt, schätzt man die Stille und Verlassenheit, die sich in diesen in Belgien weit verbreiteten Höfen auftut nur noch mehr. Ein gutes Buch in der Hand, oder auch den Reiseführer, in dem man ohnehin zu wenig geschmökert hat, und man hat alles was man braucht. Bei den von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützten Begijnenhöfen, die oftmals ziemlich versteckt liegen, handelt es sich meist um ein baumbestandenes Rasenstück angeordnete Häuser - ehemalige Behausungen der gläubigen Beginen, die ab dem 13. Jh. fromm in Gemeinschaften lebten und ehelos blieben. Seit dem 17. Jh. wurde in dem Genter Begijnenhof nichts verändert. Dort starb die letzte Begine 2005. Nun werden die süßen kleinen Häuser von Gentern bewohnt.

Auf keinen Fall die Stadt per Boot erkunden, wie es sonst die meisten Touristen machen. Das beschauliche Gent kann bequem zu Fuß begangen werden, oder man ist besonders mutig und mietet sich ein fiets (fläm. für Fahrrad).

Kulinarisch bietet die Stadt vor allem Eines: viel Auswahl für Vegetarier. Nicht umsonst wird Gent die ,,ökologische Stadt“ Belgiens genannt. Am Donnerstag wird sogar vielerorts überhaupt kein Fleisch gegessen. Sehr zu empfehlen ist das in der Papegaaistraat gelegene Frietketel. Einfach umwerfende vegetarische Burger und Pommes werden einem hier geboten (sonst werden Pommes nämlich in Schweinefett gebraten). Oder man besucht vor seiner Abreise noch schnell das Gents Ecologisch Centrum direkt beim St. Pieters Bahnhof.

Die besten belgischen Waffeln gibt’s bei Mokabon, wo auch noch der Kaffee umwerfend köstlich schmeckt. Dort wird die heiße Süßigkeit so serviert, wie es sich eigentlich gehört: mit Staubzucker. Eine dicke Schicht Schlagobers, mit Erdbeeren und viel Schokosauce darauf, wie man es an beinahe jeder Ecke in Brüssel (Achtung: Touristenfalle!) findet, gibt es in Gent kaum. Eine ausschließlich für Gent typische Besonderheit darf man ebenso nicht verpassen: die  Neuzen, oder auch Cuberdons genannt. Warum Neuzen? Na weil das violette Gummizeug an Nasen erinnert, wenn auch nur mit viel Fantasie. Vielmehr ähneln sie einem einfachen Kegel oder spitzen Hut eines Gartenzwergs. Beißt man in das mit Himbeerfüllung versehene Hütchen, gibt dessen Kern eine geleeartige und äußerst klebrige Masse preis. Diese etwas – zugegeben - gewöhnungsbedürftige Leckerei bekommt ihr am Groentenmarkt. Vor der Bäckerei streiten sich laut Einheimischen die Verkäufer der zwei Stände darum, wer mehr seiner Neuzen verkaufen kann. Zeitungen betitelten den unerbittlichen Kampf sogar mit ,,cuberdon war“.

Wer sich mehr für die Kunst als für Kulinarik interessiert, möge sich doch in die  Sint-Baafskathedraal begeben, in welcher der wohl bedeutendste Beitrag der altniederländischen Malerei zu finden ist – der Genter Altar aus dem Jahre 1432. Dieses Meistwerk der Brüder Jan und Hubert van Eyck erlebte eine wechselvolle Geschichte und ist, nachdem es während dem 2. Weltkrieg geraubt wurde, seit 1986 im linken Seitenschiff der Kathedrale zu sehen. Von dem mehrteiligen Altar, welcher von allen Seiten hinter dickem Panzerglas betrachtet werden kann, sind aber nur Teile zu bewundern, da der Rest seit 2012 im bereits genannten Museum für Schöne Künste restauriert wird. Und das auch noch für geschätzte 1,4 Millionen Euro. Mehr Infos dazu findet ihr hier.

Must-See ist natürlich auch das ,,Wahrzeichen“ der Stadt: der Belfried aus dem 14. Jh. Ein 91m hoher Glockenturm mit einem vergoldeten Drachen auf der Turmspitze und inzwischen an die 52 Glocken ist der höchste aller Belfriede in Flandern. Ist er erst einmal mit viel Mühe und Schweiß bestiegen, bietet er einen außergewöhnlich weiten Blick in die Ferne und über die Dächer Gents. Im Mittelalter diente er als Wachturm, in dem ein Türmer wohnte, um unter anderem vor Feuersbrünsten und feindlichen Angreifern zu warnen und ist nicht, wie viele Touristen zu glauben meinen, ein Kirchturm.

Ein weiteres Highlight für Mittelalterfreunde ist die Wasserburg Gravensteen, die ein erschreckend reales Folterkabinett beherbergt. Unmittelbar dahinter erstreckt sich der älteste Stadtteil. Entlang der Kraanlei (siehe Foto) lässt es sich wunderbar neben den von bunten Blumen gesäumten Grachten (fläm. für Kanäle) flanieren. Am besten mit einem kühlen Bier (die einheimischen Student/innen empfehlen Delirium Tremens) und einer Tüte Pommes mit ganz viel Mayo in der Hand. Oder man gönnt sich ein Bierchen in einem der Lokale der kleinsten und engsten Gasse, die ich jemals gesehen habe (Het Waterhuis aan de Bierkant oder Het Galgenhuisje, die angeblich kleinste Bar in Gent, sind direkt neben dem Kanal gelegen und besitzen gemütliche Terrassen). Romantischer ist nur noch der Lievekaai mit dutzenden von Trauerweiden und zauberhaften Giebelhäuschen neben dem Wasser, neben denen man entspannt seine Gedanken schweifen lassen kann.

Ihr seht: Ein Besuch dieser kleinen, aber umso faszinierenderen belgischen Stadt lohnt sich in jeder erdenklichen Hinsicht! Also: Auf was wartet ihr? Ab nach Belgien, ab nach Gent!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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